Was bringt Amazons Fire Phone für blinde und sehbehinderte Nutzer?

24. Juni 2014

Letzte Woche hat Amazon mit dem Fire Phone sein erstes eigenes Smartphone vorgestellt. Nachdem diese Geräte bisher nur mit Touch-Gesten zu bedienen waren, kommt etwas ganz Neues: Der Handelsriese bringt seinem Smartphone das „Computer-Sehen“ (computer vision) bei und nutzt dies auf ganz unterschiedliche Weise.

Autor: Heinz Mehrlich

Das Smartphone "sieht" in zwei Richtungen: mit seiner ganz normalen Frontkamera und mit vier Infrarot-Kameras auf der Display-Seite.

Diese machen keine Bilder, sondern sie erfassen die Position des Kopfes des Nutzers ganz genau, ganz gleich, ob es ein Wuschelkopf, Glatzkopf oder eine Brillenträgerin ist. Diese Form des Computer-Sehens wird als neue Steuerung für das Smartphone benutzt: eine kurze Kippgeste mit der Hand kann eine Bildschirm-Seite mit zusätzlichen Informationen aufrufen oder ein leichtes Neigen des Gerätes ein automatisches Scrollen starten oder stoppen.

Für Sehbehinderte und Blinde bietet das den Vorteil, dass sie nicht erst eine Schaltfläche auf dem Bildschirm finden müssen. Für Sehbehinderte entfällt das erneute Orientieren, wenn nach dem Ausführen eines Befehls die Finger vom Display genommen werden.

Computer-Sehen 1: Raumwahrnehmung durch virtuelle 3-D-Animation

Das Fire Phone bietet eine virtuelle 3-D-Ansicht, die durch die relative Position von Kopf und Gerät gesteuert wird. Amazon nennt das "dynamic perspective". Durch das langsame Neigen des Bildschirms nach links und nach rechts entsteht der Eindruck, als würde man ein dreidimensionales Objekt von einem geänderten Standpunkt aus sehen. Bei einer Landkarte von New York sieht man zum Beispiel das Empire State Building fast aus der zweidimensionalen Oberfläche heraustreten und erhält so einen räumlichen Eindruck. Das Ergebnis ist durchaus verblüffend und vermittelt wohl gerade Sehbehinderten eine Wahrnehmung von Dreidimensionalität und Tiefe, die sie so nicht kennen, da häufig das Sehen mit beiden Augen sehr eingeschränkt ist.

Die 3-D-Simulation lässt sich auch für mehr Spielspaß einsetzen, um z.B. die Höhle eines Monsters als besonders schaurig wahrzunehmen und um vereinfachte, schnelle Steuerungskonzepte einzuführen. Ja, auch Spiele sollten zugänglich sein.

Computer-Sehen 2: Gegenstände, Bilder, Filme, QR-Codes, Links und mehr erfassen

Eine weitere Form des "Computer-Sehens" erfasst Gegenstände und Informationen. Dafür hat das Fire Phone einen extra Knopf. Das aufgenommene Foto wird auf wenige Informationen reduziert an einen Amazon-Server gesandt. Dort wird erkannt, ob es sich um Schokoladencreme, Tabs für die Spülmaschine, ein bestimmtes Buch oder ein bekanntes historisches Bild handelt. Bis zu 100 Millionen Objekte sollen so richtig beschrieben werden. Auch Fernsehserien werden erkannt, um welche Szene es sich genau handelt und welche Schauspieler gerade zu sehen sind. Auf Anzeigen oder Plakaten können QR-Codes, Internet-Links, Mail-Adressen oder Telefonnummern erkannt werden und auch gleich angerufen werden.

Diese Anwendung wird "Firefly" genannt, Glühwürmchen. Wahrscheinlich hat man dabei nicht an eine kleine Orientierungshilfe im Dunklen gedacht. Für Sehbehinderte und Blinde könnte das aber eine wichtige Hilfe im Alltag sein.

Zugänglichkeit ist ein Thema, das gesehen wird

Es gibt bereits Informationen zur Zugänglichkeit des Fire Phones. Das ist in Deutschland noch nicht selbstverständlich, aber im englischsprachigen Raum durchaus übliche Praxis. Große Firmen scheinen sich verstärkt um Zugänglichkeit für alle Menschen mit besonderen Bedürfnissen, mit "special needs", wie politisch korrekt gerne gesagt wird, zu kümmern. Auch in Apples Image-Filmen werden behinderte Menschen gezeigt. Das ist ein großer Fortschritt.

Was wird also mit dem Fire Phone geboten? Es gibt die Bedienungshilfen Screenreader und Zoomvergrößerung, die von iOS und Android her bekannt sind; wie gut sie sind, müssen praktische Tests erweisen. Neu sind vor allem die einhändige Nutzung und die Bewegungsgesten aus dem Handgelenk heraus, aber auch ein nicht näher beschriebener Kontrastmodus, den Apples iOS und Googles Android bislang noch nicht bieten (aber Windows Phone). Allerdings fehlt auch hier ein durchgängiges Konzept zur visuellen Zugänglichkeit für Sehbehinderte.

Ein Innovationsschub durch das Fire Phone?

Die neuen technischen Lösungen des Fire Phones könnten Startpunkt für viele Innovationen in den nächsten Jahren sein. Viele Konzepte sind schon fast marktreif, zum Beispiel intelligente Brillen und intelligente Uhren. Mit Googles Tango wird es 3-D auch vor dem Bildschirm geben, zum Beispiel für die In-House-Navigation. Auf neuartigen Bildschirmen werden auch Oberflächen von Krokodil-Leder oder Umrisse von Gegenständen als Berührungssimulation angezeigt werden. Sich wölbende Erhebungen auf der Bildschirm-Oberfläche können als Bedienelemente zugeschaltet werden und hinter einer glatten Oberfläche wieder ganz verschwinden. Die Bedienung mit Nicht-Berührungs-Gesten wie das Kippen des Geräts oder eine Bewegung des Kopfes werden als neue körperliche Eingabe-Gesten (Natural-User-Interfaces) etabliert werden.

Das fällt auf: Amazon beobachtet die kaufenden Kunden ganz genau. Möglichst vereinfachte Bedienung wird mit perfekter Dienstleistung verbunden. Natürlich auch, um den Kunden mehr an sich zu binden und um dessen Geldbeutel zu öffnen. Apple wird sich sehr anstrengen müssen, um dieser Verbindung von Technik und Dienstleistung etwas ähnlich Innovatives entgegenzusetzen.

Wird das Fire Phone auch für sehbehinderte Menschen in der Praxis gut nutzbar sein?

Diese Frage kann natürlich erst beantwortet werden, wenn praktische Erfahrungen mit dem Gerät vorliegen. Wenn die vier eingebauten Infrarot-Kameras von einer normalen Lese-Distanz ausgehen, werden wir sehbehinderten 'Nah-Gucker" die Neuerungen vielleicht gar nicht oder nicht zufriedenstellend nutzen können.

Am wichtigsten ist aber für uns Sehbehinderte: die neue Technik hat prinzipiell ein hohes Potenzial. Wir sollten auf Teilhabe bestehen und nötigenfalls Verbesserungen einfordern. Sobald das Gerät in den USA von sehbehinderten Nutzern getestet worden ist, werden wir mehr darüber wissen.

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