Amazon Fire HDX 8.9 Schnelltest mit Screenreader

19. Juni 2015

Amazon Fire HDX Startbildschirm

Während der letzten Jahre hat Amazon die Zugänglichkeit seiner Produkte deutlich verbessert. Wir haben das Amazon Fire HDX 8.9 einem Schnelltest unterzogen, um zu prüfen, ob Inhalte in Browser, E-Mail-Client, Kalender und E-Book-Reader mit dem eingebauten Screenreader zugänglich sind.


Software: Fire OS 4.5.3
Browser: Silk

Aktivierung und Einstellungen

Der Screenreader lässt sich in den Einstellungen (Apps > Einstellungen > Barrierefreiheit > Screenreader) oder über einen Kurzbefehl aktivieren. Dieser entspricht der Aktivierung bei anderen Android-Geräten: Die Start-Taste drücken, bis ein Piepen ertönt, dann zwei Finger für etwa 5 Sekunden auf den Bildschirm legen. Die Kindle-Sprachausgabe setzt nun ein und fordert den Nutzer auf, die Finger auf dem Display zu lassen, um den Screenreader zu aktivieren.

Es gibt beim Screenreader nicht sehr viele Einstellungsmöglichkeiten, lediglich Sprechgeschwindigkeit, Gerätelautstärke und Feedbacklautstärke können eingestellt werden. Die Funktion „Tippen und entdecken“ lässt sich an- bzw. ausstellen und ein Tutorial wird angeboten, welches dem von anderen Android-Geräten entspricht.

Grundsätzliches

Die Stimme des Screenreaders ist sehr gut verständlich und recht angenehm im Vergleich zu der üblichen Android-Stimme. Die Aussprache von einigen Begriffen ist schlechter als bei iOS oder Android, so wird zum Beispiel aus Posteingang eher ein schwäbisches „Poschteingang“. Es werden jedoch alle Icons und fokussierbaren Elemente auf dem Desktop und in den Apps ausgegeben.

Die Anordnung des Startbildschirms ist etwas anders als bei den Android- oder iOS-Geräten. Am oberen Bildschirmrand befindet sich in eine horizontal scrollbare Leiste mit verschiedenen Elementen wie Apps, Bücher, Videos, Audio, Store, Fotos, Dokumente und anderen. Im mittleren Bereich des Bildschirms befinden sich die zuletzt geöffneten Apps. Durch diese kann man mithilfe der Wischgeste navigieren. Im unteren Drittel befinden sich die Favoriten-Apps.

Silk Browser

Im Amazon-eigenen Browser Silk werden alle Bedienelemente gelesen und auch der Inhalt auf den getesteten Webseiten bahn.de und tagesschau.de wurde ausgegeben. Der Text der Webseiten wird absatzweise vorgelesen. Dies funktioniert auch in der Leseansicht, allerdings wird bei Auswahl „von Anfang an lesen“ zwar oben auf dem Bildschirm bei den einzelnen Tabs begonnen, allerdings dann nicht weiter der Inhalt gelesen. Die Schnellnavigation funktioniert gut. Erreichbar ist diese über eine Hakengeste (ein Streichen nach unten und dann nach rechts öffnet das Menü zur Schnellnavigation, ähnlich dem Rotor bei Apple). Auch die Formularfelder werden mit angesagt.

Virtuelle Tastatur

Grundsätzlich ist die virtuelle Tastatur des Amazon Fire Tablets gut zugänglich. Die Eingabe erfolgt durch Abheben des Fingers, ähnlich wie bei anderen Android-Tablets. Allerdings sind einige Tasten in Englisch beschriftet. In deutscher Aussprache entsteht dann zum Teil Unverständliches. So wird die Leertaste als „Spahse“ ausgegeben. Die eingeblendete Auswahl bei einigen Buchstaben (z.B. bei Umlauten) ist nicht zugänglich, auch die Eingabevorschläge werden nicht gelesen.

Der Anschluss einer externen Tastatur über Bluetooth war im Test möglich.

Mail- und Kalender–App

In der Mail-App werden alle Bedienelemente und auch der Inhalt der Mails gelesen. Eine neue Mail zu schreiben, gelang im Test mit Screenreader ebenfalls ohne große Probleme.

Die Bedienelemente in der Kalender-App sind zwar soweit alle zugänglich, aber alltagstauglich ist der Kalender wegen der Schwierigkeiten beim Anlegen eines neuen Termins nicht. Die Auswahl eines Datums ist nicht zugänglich. Sie erfolgt über eine Art Kalenderblatt, welches nicht nur recht klein ist, sondern auch nur unvollständig ausgegeben wird. Es wird immer nur die erste Stelle des Tages ausgegeben, eine Unterscheidung der Tage ist deshalb schwierig. Die Auswahl per Doppeltipp ist ebenfalls nicht möglich, das fokussierte Datum wird nicht übernommen. Es lässt sich auch in der Anzeige nicht zum nächsten Monat wischen.

Die Eingabe der Zeit ist zwar zugänglicher, aber das nutzt wenig, wenn sich der Tag nicht bestimmen lässt.

E-Book-Reader Kindle Reader

E-Books können im Amazon-Shop gekauft werden, jedoch ist man festgelegt auf diese eine Quelle. Andere Shops können, wie immer bei Amazon/Kindle, nicht genutzt werden.

Die Bedienelemente des E-Book-Readers Kindle Reader sind alle gut zugänglich. Die Sprechgeschwindigkeit lässt sich extra einstellen. Das ist praktisch, denn so lassen sich Bücher in einer langsameren Geschwindigkeit vorlesen, was einem Hörbucherlebnis nahe kommt. Die Stimme ist recht natürlich und auch bei längerem Zuhören angenehm. Die Geschwindigkeit lässt sich in Stufen von 0,7 bis 4 einstellen, wobei 4 schon recht schnell ist. Das Lesen kann man mit Tippen von zwei Fingern stoppen, dann blendet sich automatisch das Menü oberhalb und unterhalb des Textes ein. Fortlaufendes Lesen ist auch über die Seite hinaus möglich. Bei englischen Büchern wird automatisch auf eine englische Sprachausgabe gewechselt. Bilder werden nicht mit angesagt, aber Bildunterschriften, wenn vorhanden, werden gelesen.

Unterbricht man das Lesen, fängt die Sprachausgabe wieder am Anfang der Seite an. Besser wäre, sie würde direkt an der alten Stelle weiterlesen. Zumindest lassen sich Lesezeichen setzen, so dass man die richtige Seite wiederfinden kann. Eine satzweise oder absatzweise Navigation nach vorne bzw. zurück ist nicht möglich.

Fazit

Das Amazon Tablet Fire HDX 8.9 muss sich in Sachen Zugänglichkeit nicht hinter anderen Android-Geräten verstecken. Sicher gibt es auch bei diesem Tablet einiges an Verbesserungsbedarf, aber die Grundfunktionen Mail und Browser und auch die virtuelle Tastatur sind gut nutzbar. Nur der Kalender ist mit dem Screenreader nicht nutzbar.

Für Nutzer, die häufig E-Books lesen, ist das Amazon Fire HDX 8.9 zu empfehlen – natürlich mit der Einschränkung, dass man dann auf den Amazon Store angewiesen ist. Die Stimme der Sprachausgabe ist im Gegensatz zur Stimme manch anderer Android-Tablets sehr angenehm. Gerade fürs Vorlesen-Lassen längerer Texte (wie E-Books) ist das ein Vorteil.

In unserem Tablet-Test haben wir zudem festgestellt, dass das Amazon-Gerät im Vergleich mit anderen Tablets über eine sehr gute Erkennungsqualität bei der Spracheingabe verfügt. Zwar reicht der Bedienkomfort in vielen Aspekten noch nicht an jenen von Apple heran, aber im Vergleich mit Android-Tablets ähnlicher Größe konnte das Amazon Fire HDX in einem (noch unveröffentlichten) INCOBS Tablet-Vergleichstest einen guten mittleren Platz erreichen.

Eine ausführlichere englischsprachige Besprechung von Bill Holton findet sich in der AFB AccessWorld Ausgabe vom März 2014.

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