Wie barrierefrei ist das Blackberry Q10 mit physischer Tastatur?

3. September 2014

Blackberry Q10 mit vergrößertem Startbildschirm

Blackberrys Q10 (ebenso wie die angekündigten Geräte Blackberry Classic und Blackberry Passport) sind dadurch bemerkenswert, dass sie weit und breit die einzigen aktuellen Smartphones mit physischer Tastatur sind.

Autor: Detlev Fischer (@wcagtest)

Wir haben die Zugänglichkeitsfunktionen von Blackberrys Q10 mit BB OS 10.2 auf einem Gerät mit amerikanischer Betriebssystemversion und QUERTY-Tastatur getestet. Ob alle festgestellten Eigenschaften (besonders beim Screenreader) ebenso auf die deutsche Ausgabe des Q10 zutreffen, konnten wir (noch) nicht überprüfen. Die auch auf Deutsch dokumentierten Blackberry Screenreader-Gesten sind anscheinend identisch. Wir empfehlen jedenfalls allen potenziellen Käufern, vor dem Erwerb das Gerät und dessen Zugänglichkeitseinstellungen im Geschäft selbst auszuprobieren.

Hintergrund

INCOBS führte kürzlich beim Hamburger Blinden- und Sehbehindertenverband eine Smartphone-Beratung durch. Viele Leute kamen, um die Geräte, die wir dabeihatten (ein iPhone 5c, das Google Nexus 4 und ein Windows Phone, das Nokia Lumia 1320) auszuprobieren und um zu prüfen, wie sie mit deren Zugänglichkeitseinstellungen wie Vergrößerung oder Screenreader zurechtkamen.

Viele Besucher fragten uns, ob es denn auch Smartphones mit physischer Tastatur gäbe. Tatsächlich gibt es kaum noch solche Geräte. Die Android-Geräte mit physischer Tastatur sind schon ziemlich alt und nur noch secondhand verfügbar. Außerdem laufen sie auf einer veralteten und nicht mehr aktualisierbaren Android-Version (meist 2.3 Gingerbread), die noch keine brauchbare TalkBack-Version enthält. Die Weiterentwicklung von Nokias Betriebssystem Symbian, das in Feature Phones mit Tastatur und Nuances Software TALKS & ZOOM lief, ist eingestellt worden und die neuen Lumia-Modelle mit Windows Phone kommen alle ohne Tastatur.

Blackberry ist damit unseres Wissens der einzige Hersteller, der aktuelle Geräte mit physischer Tastatur anbietet. Grund genug, die Zugänglichkeit des Q10 zu testen.

Ein paar (sehende) Eindrücke

Das Blackberry Q10 ist ein solide verarbeitetes Gerät, das gut in der Hand liegt und neu zur Zeit etwa 290 Euro kostet. Es hat einen hellen und sehr kontrastreichen AMOLED-Bildschirm, der auch im Freien vergleichsweise gut zu erkennen ist. An- und ausgeschaltet wird es über eine Taste am oberen Rand. Das Interface und die Gesten für die Nutzung unterscheiden sich von denen der anderen Smartphone-Hersteller - grundlegende Funktionen (etwa die Anzeige des sogenannten Hubs oder die Minimierung von Apps) werden durch eine Wischbewegung vom Rand her aktiviert.

Der Blackberry Hub ist ein übergreifender Ein- und Ausgangskorb für Gespräche, Mails und SMS (auch Entwürfe), der sich auch filtern lässt. Als sehender Nutzer kam ich mit dem Q10 während einer zweiwöchigen Nutzung sehr gut zurecht. Die physische Tastatur empfand ich als angenehmer als die Nutzung der virtuellen Tastaturen auf dem iPhone oder Android-Smartphone. Es gibt allerdings keine dynamischen Wortvorschläge bei der Eingabe - Blackberry bietet dies auf anderen Geräten ohne physische Tastatur, etwa dem Z10 oder dem Z30. E-Mail, SMS und Telefon funktionierten reibungslos. Mir fiel allerdings auf, dass die Batterie nicht besonders lange hielt.

Einstellungen für sehbehinderte Nutzer

Die Textelemente und grafischen Bedienelemente auf dem Blackberry sind generell sehr klar und kontrastreich. Es gibt sowohl eine reine Textvergrößerung als auch eine Zoomvergrößerung auf der Betriebssystemebene.

Textvergrößerung

Unter Accessibility > Display settings können Nutzer die Standard-Textgröße von 8 Punkt auf bis zu 18 Punkt vergrößern. Die Art, wie sich dies in den Systemmenüs und Apps auswirkt, ist allerdings unterschiedlich. Auf dem Haupt-Screen für Einstellungen wird die Schrift zum Beispiel nicht größer als 10 Punkt. Auf den meisten anderen Screens für Einstellungen wird der Text aber in der gewählten Punktgröße dargestellt.

Blackberry Hub in der Standardgröße und mit maximaler Textvergrößerung

Abb. 1 Blackberry Hub. Die wichtigste App auf einem Blackberry ist der Hub - hier rechts sichtbar in der Ausgangsgröße, und links, nachdem die Textgröße systemseitig auf 18 Punkt gestellt wurde.

Die Textgrößen-Änderung wirkt sich auch auf den zentral wichtigen Blackberry Hub aus. Unter der größten Einstellung (18 Punkt) wird die Nutzung durch die zusammengedrängte und abgeschnittene Darstellung von Nummern, Absendern oder Titeln der Einträge aber eher schwierig (siehe Abb. 1). Der Text in den Blackberry Hub Kontextmenüs wächst von 8 Punkt auf 11 Punkt, also nur so weit, dass die Menüs immer noch in den zugewiesenen Bereich passen (mit einem Ausschnitt des Hub noch darunter sichtbar) – siehe Abb. 2.

Blackberry Hub mit Filtermenü und Befehlsmenü, vergrößert

Fig. 2 Vergrößerte Blackberry Hub Kontextmenüs. Der Text wird hier nicht größer als 11 Punkt.

Die Textgrößen-Einstellung hat auch Auswirkungen auf die systemseitigen E-Mail- und SMS-Apps, die mit 13 Punkt sehr viel größer, wenn auch nicht in der eingestellten Maximalgröße angezeigt werden (siehe Abb. 3). Auch Absender, Konto, Betreff und Textfeldvorbelegungen werden hier gut mitvergößert.

Screenshots eines Blackberry-Kalendereintrags und einer SMS-Nachricht (mit vergrößertem Text)

Fig. 3: Blackberry System-Apps unter vergrößerter Texteinstellung. Die groß eingestellte Systemschrift (18 Punkt) wirkt sich auf Einstellungsmenüs des Systems, aber auch auf wichtige Standard-Apps wie Mail, SMS oder Kalender aus - hier sieht man den Kalender (Neuer Eintrag) und SMS-Nachrichten.

Wie beim iPhone hat dieTextgrößen-Einstellung keinerlei Auswirkung auf den Blackberry-Startbildschirm mit seinen winzigen Beschriftungen der App-Symbole (5 Punkt), auch nicht auf das Dashboard-Menü für Geräteeinstellungen, das durch Wischen vom oberen Rand angezeigt werden kann (hier ist die Textgröße nur 6 Punkt, gefettet).

Der Blackberry-Browser hat einen Reader-Modus, der die starke Vergrößerung von Text erlaubt - bei ca. 24 Punkt passen dann allerdings nur noch ein oder zwei Worte pro Zeile auf den Bildschirm. Abb. 4 zeigt den Browser und die Ansicht derselben Seite im Reader-Modus.

Blackberry Browser, rechts der Reader-Modus mit vergrößertem Text

Fig. 4 Blackberry-Browser und Reader-Modus. Im Browser können Nutzer Inhalte wie erwartet mit einer Spreizgeste vergrößern. Der Reader-Modus erlaubt auch die reine Textvergrößerung mit einem neuen Textumbruch. Auch ein Kontrastmodus (Farbumkehr) ist hier verfügbar.

Zoom-Einstellungen

Die Zugänglichkeitseinstellungen bei BB OS 10.2 enthalten auch einen Zoom-Modus (Magnify mode), mit dem Nutzer über eine Spreizgeste hinein- und herauszoomen können. Inhalte können bis zu einem Faktor von etwa 4,5 vergrößert werden (aber die Kanten werden unscharf). Ein Wischen mit zwei Fingern vom oberen Rand wechselt zwischen Standardgröße und vergrößerter Ansicht, ein Ziehen mit zwei Fingern verschiebt den vergrößerten Ausschnitt.

Kontrastmodus

Auf der Systemebene gibt es hier nur die Möglichkeit. über White balance das Hintergrund-Weiß gelblich oder bläulich einzufärben. Der Reader-Modus des Browsers bietet auch eine Farbumkehr, um weißen Text auf schwarzem Hintergrund zu lesen. Der Browser "erinnert" die letzten Nutzereinstellungen, wenn der Reader-Modus aktiviert wird.

Optionen für Screenreader-Nutzer

Den Screenreader (mit Namen Screen Reader) an- und auszuschalten, ist so simpel wie beim iPhone: ein dreifacher Druck auf die Einschalt-Taste am oberen Rand genügt. Screen Reader trägt zur Zeit die Bezeichnung BETA, es ist also keine Überraschung, dass vieles (noch) nicht funktioniert - mehr dazu weiter unten. Die verwendete Stimme ist eher dünn und blechern und erinnert damit ein wenig an die TalkBack-Stimme. Lautstärke, Sprechgeschwindigkeit, Höhe und verwendete Sprache lassen sich einstellen.

Während die Inhalte wichtiger Standard-Apps gesprochen werden, gibt es andere, die nicht (oder zur Zeit noch nicht) mit Screen Reader funktionieren - so die vorinstallierte Version von Docs to Go. Die letzte Version von Docs To Go unterstützt laut Blackberry jetzt den Screenreader - wie gut das funktioniert, haben wir in diesem Test aber nicht ermittelt.

Die Texteingabe über die physische Tastatur produziert ein konfigurierbares Echo (Buchstaben/Buchstaben und Wörter/ausgestellt) sowohl beim Hub, bei der E-Mail-App und in den Kontakten, nicht jedoch beim Kalender.

Screenreader-Gesten

Blackberrys Screenreader-Gesten unterscheiden sich von denen, die iOS- und Android-Nutzern vertraut sind. Ein Hauptunterschied ist, dass die Berührungserkundung (bei Blackberry heißt das Erkennungsmodus), die bei Android und iOS unmittelbar einsetzt und Elemente unter dem Finger vorliest, hier erst nach einem anfänglichen Tippen mit darauffolgendem kurzen Halten einsetzt. Die Aktivierung von ausgewählten (zuletzt vorgelesenen) Elementen erfolgt durch ein Spreiztippen mit einem zweiten Finger oder ein Doppeltippen irgendwo auf dem Bildschirm. Die Wischgesten zum Durchlaufen von Elementen funktionieren noch nicht verlässlich. Einige Elemente können nicht leicht über Wischen erreicht werden und Wischgesten scheinen während der Ausgabe von Sprache ignoriert zu werden.

Einige sichtbare Elemente, die im Betriebszustand ohne Screenreader nützlich sind, etwa die Schließen-Elemente minimierter Apps, werden zur Zeit nicht von Screen Reader ausgegeben und können nicht aktiviert werden.

Screenreader-Gesten und Standardgesten

Wenn Screen Reader eingeschaltet ist, sollten die üblichen Blackberry-Standardgesten, wie das Wischen vom Rand her, weiter funktionieren - so wenigstens die Theorie. Es kommt aber häufig zu Schwierigkeiten bzw. Fehlbedienungen, etwa wenn man auf eine benachbarte Ansicht des Startbildschirms wechseln oder Ansichten verlassen möchte. Manchmal hakt es, manchmal geht es problemlos.

Andere dokumentierte Screenreader-Gesten - zum Beispiel "mit zwei Fingern nach unten und dann nach links streichen, um den Screenreader stumm zu schalten" - lösen stattdessen häufig Standardgesten wie die Einblendung des Dashboards für Geräteeinstellungen aus. Einige der komplexeren Gesten, wie "Mit zwei Fingern nach oben streichen und halten, um zum Anfang zu springen", konnten wir nicht erfolgreich ausführen.

Horizontales Wischen zum Durchlaufen von Elementen

Wenn Screen Reader angeschaltet ist, sollen sich Elemente auf dem Bildschirm durch horizontales Wischen (Streichen) ansteuern lassen (so etwa die Apps auf dem Startbildschirm oder der Ansicht minimierter Apps). Zurzeit reagiert das Gerät aber träge und fehlerhaft auf Wischgesten - manchmal passiert gar nichts, manchmal wird irgendwo ein Touch registriert und der Fokus auf ein bestimmtes Element gesetzt. Der Fokus beim Wischen geht leicht verloren und das Wischen funktioniert dann nicht mehr. Erst durch Tippen-und-Halten lässt sich dann der Fokus wieder auf ein Element setzen. Beim Wischen nah am Bildschirmrand kann leicht versehentlich eine der Standardgesten ausgelöst werden (zum Beispiel der Wechsel zu einer angrenzenden Ansicht des Startbildschirms).

Wir hatten zuerst Schwierigkeiten, Screen Reader auf dem wichtigen Blackberry Hub zu nutzen: die Ausgabe wiederholte nur home screen - application. Bei einem anderen Versuch konnten wir die aufgelisteten Einträge des Hubs über Wischgesten und Berührungserkundung ausgeben, aber andere Gesten but gestures ("mit zwei Fingern streichen zum Scrollen") funktionierten nur mit Verzögerung oder gar nicht.

Blackberry teilte uns mit, dass die Navigation über Touchgesten als entscheidendes Feld für Verbesserungen erkannt worden ist, und dass die Funktionalität im nächsten Release des Betriebssystems BB OS 10.3 verbessert wird.

Die Nutzung des Browsers

Die Nutzung des Browsers mit eingeschaltetem Screenreader ist zur Zeit kaum möglich: während vertikales Wischen eine Reihe von Navgiationsmodi anbietet, funktioniert horizontales Wischen sehr unzuverlässig. Links, die im Modus Navigation durchlaufen werden, werden zwar vorgelesen, können aber oft nicht ausgelöst werden oder springen stattdessen auf eine zuvor bereits besuchte Seite. Überschriften werden oft nicht gelesen - stattdessen wiederholt der Screenreader heading - off-screen.

Kombinierte Nutzung von Screenreader und Zoomvergrößerung?

Die gleichzeitige Nutzung von Screen Reader und Magnify mode funktioniert in der BETA-Version nicht. Wenn Screen Reader angeschaltet ist, haben die Vergrößerungsgesten (Spreizgeste zum Reinzoomen, mit zwei Fingern verschieben) keinen Effekt.

Fazit

Blackberrys Smartphone Q10 sollte von Nutzern in Betracht gezogen werden, die mit einer geringen Vergrößerung zurechtkommen und den Komfort einer physischen Tastatur suchen. Die Kontraste sind insgesamt sehr gut und systemseitige Einstellungen der Textgröße werden vom Blackberry Hub und den wichtigsten Standard-Apps übernommen: E-Mail, SMS-Nachrichten, Kontakte und Kalender. Der Browser hat einen Lesemodus (Reader mode), der eine gute Textvergrößerung bietet.

Für blinde Nutzer ist der Screenreader in der BETA-Version noch nicht ausgereift genug, um das Q10 zu einer ernsthaften Option zu machen. Wir vermuten, dass das angekündigte System-Update 10.3 hier deutliche Verbesserungen bringen wird und planen, das Gerät nach dem Release erneut zu testen.

Abschließender Hinweis: Mit dem Q5 gibt es auch ein deutlich billigeres Smartphone (Neupreis um 200 Euro) mit gleicher Bildschirmgröße und ähnlich aufgebauter Tastatur, dass hinsichtlich der Nutzung des Q10 in Sachen Vergrößerung und Screenreader gleich sein sollte. Für den Herbst 2014 hat Blackberry das Blackberry Classic und das größere Blackberry Passport angekündigt, die beide ebenfalls eine physische Tastsatur haben werden und mit BB OS 10.3 ausgeliefert werden sollen.

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