Corvus - eine alternative Oberfläche für Android

26. September 2016

Corvus-Bildschirme: Tastatur (in Notizen), Rechner, E-Mail, Diktiergerät

Corvus ist eine alternative Bedienoberfläche für Android-Smartphones. Angesprochen sind vorrangig blinde und sehbehinderte Nutzer, die früher ein Handy mit physischem Nummernblock genutzt haben und weiterhin in erster Linie Grundfunktionen eines Mobiltelefons nutzen möchten.

Autor: Umair Wiebeck

Hersteller, Konditionen

Corvus wird von Stopka n.o. aus der Slovakischen Republik entwickelt. Die Entwicklung wurde vom Slovakischen Blinden- und Sehbehindertenverband unterstützt (Slovak Blind and Partially Sighted Union). Nach Ablauf einer kostenlosen 30-Tage-Testversion kostet eine Voll-Lizenz mit drei Updates pro Jahr für bis zu drei Geräte 220 Euro. Eine Einzel-Lizenz für ein Gerät ohne Updates kostet 60 Euro - sicherheitsrelevante Updates erhält auch diese Version.

Die App selbst gibt es nicht im Google Playstore, sie kann auf der Website des Corvus-Herstellers heruntergeladen werden.

Wie haben wir getestet?

Getestet haben wir Corvus auf einem Huawei Nexus 6P mit Android 6.0.1 Marshmallow und Corvus Version 1.3.0. Vorrangig war der Test durch einen blinden Experten. Visuelle Eigenschaften wurden zusätzlich von einem sehenden Experten bewertet.

Zusammenfassung der Ergebnisse

Corvus hat eine gut durchdachte, intuitive Bedienung und Gestensteuerung. Der Leistungsumfang umfasst Telefonieren, SMS, E-Mail und andere Grundfunktionen wie Kalender und Kontakte. Darüber hinaus gibt es einen Lichtdetektor, einen Musik-Player sowie eine Bücher-App. Ein eigener Browser oder Messaging-Apps wie WhatsApp werden auf dieser Oberfläche nicht unterstützt. Für Nutzer, denen dieser Funktionsumfang ausreicht, ist Corvus eine empfehlenswerte Alternative zu herkömmlichen Android-Smartphones.

Bevor Corvus benutzt wird, muss man eine Sprachausgabe installieren. Wir haben Corvus sowohl mit eSpeak als auch mit Vocalizer TTS und der Stimme Anna, bekannt unter anderem durch VoiceOver, getestet. Die Stimme Anna ist angenehm und verständlich, während die Stimme von eSpeak oft schwer zu verstehen ist. eSpeak ist für zur Zeit 1,21 € im Playstore verfügbar. Bei Vocalizer stehen eine Vielzahl von Stimmen zur Verfügung, deren Preise sich je nach Qualität unterscheiden, laut Google App Store zwischen 3,63 € bis 3,99 € pro In-App-Kauf.

Man kann von Corvus auch wieder auf die normale Android-Oberfläche wechseln. Der Wechsel ist mit einen Code geschützt, welcher in den Corvus-Einstellungen selbst gewählt werden kann. So wird ein unbeabsichtigter Wechsel verhindert.

Schade ist, dass man als Blinder den Pin-Code zur Smartphone-Entsperrung mit Corvus nicht eingeben kann, da die Zahlen beim Berühren der Tasten sofort eingegeben werden und es somit keine Möglichkeit gibt, die notwendigen Zahlen erst auszuwählen und dann zu schreiben.

Bedienung der Oberfläche

Nach dem Entsperren des Bildschirms werden vier Bereiche sichtbar: Neue Nachrichten, Menü aufrufen, Batterie und Signal. Unter Neue Nachrichten lassen sich eingegangene Nachrichten anzeigen. Über Menü aufrufen kommt man auf den Home-Bildschirm, wo sich weitere Auswahlmöglichkeiten finden. Der Punkt Batterie zeigt einfach nur den Batteriestatus an. Unter Signal kann der Internet- und Bluetooth-Status überprüft werden.

Das Haupt-Menü ist wie eine lange Liste aufgebaut. Vertikal von oben nach unten kann man durch die Apps Telefon, Kontakte, Register, Profile, Anwendungen, Einstellungen und Hilfe navigieren.

Unter Anwendungen sind weitere Apps, wie z.B. Notizen oder Kalender, vorhanden. Unter Profile kann statt des Klingeltons die Vibration eingeschaltet oder das Smartphone bei einem eingehenden Anruf stummgeschaltet werden.

Bedienungsgesten

Um auf der Corvus-Oberfläche durch Elemente zu navigieren, wird im Gegensatz zu anderen Smartphones oft das vertikale Streichen verwendet – das ausgewählte Element wird dann vorgelesen. Um es zu aktivieren, kann man einfach doppeltippen. Um direkt zum Anfang oder Ende eines Menüs oder einer Liste zu navigieren, streicht man vertikal mit zwei Fingern von oben nach unten. Aktionen lassen sich auch in Verbindung mit der Lautstärke-Taste und Streichen ausführen. So kann in einigen Apps wie Kontakte oder Kalender beispielsweise bei gedrückter Lautstärke-Taste und vertikalem Streichen mit einem Finger das Suchfeld aufgerufen und mit zwei Fingern der Löschdialog aufgerufen werden. Um aus einem Dialogfeld oder Fenster zurückzuwischen, streicht man mit einem Finger horizontal von rechts nach links.

Bedienung der Tastatur

Die Corvus-Tastatur ist wie der Nummernblock eines Tastaturhandys aufgebaut. Mehrere Buchstaben und eine Zahl liegen auf einer Taste. Streicht man mit dem Finger über die Tasten, wird der erste Buchstabe angesagt, weitere nach Spreiz-Tippen mit einem zweiten Finger. Der angesagte (also fokussierte) Buchstabe wird geschrieben, sobald man den Finger hebt. Wird der Bildschirm kurz mit zwei Fingern berührt, wird das zuletzt eingegebene Zeichen gelöscht.

Wenn man zu einem anderen Tastatur-Modus wie Großbuchstaben oder Zahlen wechseln möchte, drückt man die Lautstärke-Taste und streicht vertikal von oben nach unten. Ist die gewünschte Option erreicht, lässt man die Taste los.

Corvus hat auch einige Text-Navigationsfunktionen. Drückt man die Volume-up-Taste und wählt die Aktion "Tastatur" aus, so wird die Tastatur ausgeblendet. Nun kann man mit folgenden Aktionen im Text navigieren:

  • Durch horizontales Streichen mit einem Finger wird durch Zeichen, beim Streichen mit zwei Fingern durch Wörter navigiert.
  • Durch vertikales Streichen mit einem Finger navigiert man durch Zeilen. Mit zwei Fingern verschiebt man den Cursor an den Anfang oder das Ende.
  • Durch Doppeltippen mit zwei Fingern öffnet sich das Kontextmenü, in dem je nach Anwendung mehrere Aktionen ausgewählt werden können. So kann Text markiert, gelöscht, kopiert oder eingefügt werden. Wählt man "Markieren", kann man mit den oben erwähnten Gesten den Text markieren. Leider wird der Abschnitt, der markiert wurde, nicht angesagt. Wahlweise kann man das Eingabefeld durch das Kontextmenü oder durch die Zurück-Taste unten am Bildschirmrand verlassen.

Corvus-Apps

Telefon

Die Apps Telefon, Kontakte und Register sind zwar unabhängig voneinander aufrufbar, gehören aber zusammen. Die zentrale Funktion der Telefon-App ist einfach die schnelle Eingabe einer Telefonnummer. Tippt man bei ausgeblendeter Tastatur mit zwei Fingern doppelt, öffnet sich wie in allen Apps ein Kontextmenü. Hier kann die eingegebene Nummer zu Kontakten hinzugefügt werden. Außerdem können die üblichen Befehle wie Markieren, Kopieren, Löschen oder Einfügen ausgeführt werden. Ein Anruf kann durch horizontales Streichen mit zwei Fingern von links nach rechts angenommen, durch Streichen von rechts nach links dagegen abgelehnt werden. Eine Geste zum Beenden von Gesprächen ist nicht verfügbar. Um aufzulegen, kann man während des Gesprächs direkt auf den entsprechenden Punkt navigieren und dann doppeltippen.

Kontakte

Der zentrale Punkt in der Kontakte-App ist das Kontextmenü. Hier können Kontakte angerufen, erstellt, bearbeitet und gelöscht werden. Als weitere Optionen kann man einen individuellen Klingelton zuweisen, eine SMS senden, Kontakte suchen view und markieren. Wischt man bei einem Kontakt horizontal, so wird dieser markiert und kann wahlweise über das Kontextmenü oder durch Drücken und Halten der Lautstärke-Taste und gleichzeitiges Doppeltippen mit zwei Fingern entfernt werden.

Register

In der App Register werden verpasste Anrufe in vier Kategorien angezeigt: Angerufene Nummer, Verpasste Anrufe, Empfangene Anrufe und Andere Anrufe.

SMS

Die SMS-App teilt sich in vier Tabs auf. Neue Nachricht, Posteingang, Gesendet und Unzustellbar. Unter Textnachricht kann der gewünschte Text für die SMS formuliert werden. Unter Empfänger bearbeiten kann man die Nummer des Empfängers eingeben. Unter Empfänger aus der Liste kann ein Kontakt hinzugefügt werden, so dass man die Mobilnummer nicht mehr manuell eingeben muss. Und zu guter Letzt kann man mit Senden die SMS abschicken.

Im Posteingang kann über das Kontextmenü auf Lesen getippt werden. Die SMS wird dann automatisch vorgelesen. Außerdem können Nachrichten über das Menü beantwortet, weitergeleitet, markiert und gelöscht werden. Alternativ kann man den Kontakt, der die SMS geschickt hat, durch einen Anruf kontaktieren.

E-Mail

Nach dem Öffnen der E-Mail-App wird das Standard-Konto angezeigt. Ist keines vorhanden, kann es über das Kontextmenü eingerichtet werden. Alle Angaben für das Einrichten des Kontos lassen sich problemlos eingeben. Es wird nur der IMAP-Standard unterstützt. Teilweise sind die Felder schon automatisch ausgefüllt, wenn bestimmte Daten wie Nutzername oder E-Mail-Adresse eingegeben werden sollen.

Tippt man im Kontextmenü auf Neue Nachricht, öffnet sich ein Fenster ähnlich dem der Nachrichten-App. Hier kann man das Empfänger-, Betreff- und Nachrichtenfeld einzeln antippen und ausfüllen. Im Vergleich zur SMS-App gibt es keinen Lese-Befehl im Kontextmenü. Um eine E-Mail automatisch vorlesen zu lassen, muss man die Lautstärke-Taste gedrückt halten und mit einem Finger doppeltippen.

Kalender

Innerhalb des Kalenders stehen eigene Gesten bereit, um zwischen Wochen, Monaten und Tagen zu blättern. Daher verändert sich die Zurück-Geste etwas, die hier in Kombination mit der Lautstärke-Taste und horizontalem Streichen ausgeführt werden kann. Durch vertikales Streichen mit einem Finger kann zwischen Wochen, mit horizontalen Streichen durch Tage und mit vertikalem Streichen mit zwei Fingern durch Monate geblättert werden.

Im Kontextmenü stehen einige Optionen bereit. Unter dem Menüpunkt Erinnerungen anzeigen lassen sich Termine anzeigen. Der Punkt ist etwas ungünstig beschriftet, da man keine Erinnerungen, sondern nur Termine einsehen kann. Unter Ereignis erstellen kann ein Termin erstellt werden.

Termine erstellen

Tippt man im Kontextmenü auf Ereignis hinzufügen, öffnet sich das Fenster zum Termine erstellen. Ähnlich wie in den anderen hier beschriebenen Apps muss man die Felder einzeln fokussieren. Unter Datum und Uhrzeit wird erst das Feld für Jahr, Monat, Tag, Stunde und Minute angezeigt. Die aktuellen Daten sind in den Textfeldern vorausgefüllt, so dass man die Daten löschen muss, wenn ein anderes Datum eingegeben werden soll. Anschließend kann ein Titel und eine Beschreibung eingegeben werden. Eine Erinnerung lässt sich für den Termin nicht erstellen.

Diktiergerät

Diktiergeräte gehören inzwischen zum Repertoire eines jeden modernen Smartphones. Beim Corvus-Diktiergerät kann man in den Einstellungen die Aufnahme-Qualität von "sehr niedrig" (32 KBS) bis "höchste" (160 KBS) anpassen. Die Lautstärke der Aufnahme ist jedoch sehr leise. Die Dateien lassen sich nur im Datei-Manager im Ordner "Corvus/Recordings" finden. Das Einstellen des Unterordners beim Abspeichern hat nicht funktioniert. Im Kontextmenü kann unter anderem ein neuer Ordner erstellt und die Eigenschaften angezeigt werden.

Lichtdetektor

Wie bei einem Lichtdetektor üblich wird durch Piepen gekennzeichnet, ob Licht an oder aus ist. Wird der Ton beim Corvus Lichtdetektor höher und lauter, zeigt dies helles Licht an. Ein leiserer und tiefererer Ton signalisiert geringere Helligkeit.

Weitere Apps

Die Apps Notizen, Rechner, Wecker und der Datei-Manager sind alle barrierefrei und übersichtlich strukturiert. Mit dem Datei-Manager kann man auf die Ordner, die auf dem Smartphone gespeichert sind, zugreifen.

Ansonsten gibt es noch zwei Spiele, eine Taschenlampe, einen Musik-Player und eine Bücher-App.

Einstellungen

Die Einstellmöglichkeiten werden in einer Liste dargestellt. Unter Umgebung kann die Empfindlichkeit der Gesten angepasst werden. Außerdem lässt sich hier die Sprache der Corvus-Oberfläche anpassen, ein Sicherheitscode zum Wechsel auf die normale Android-Oberfläche einstellen, Systemdialoge unterdrücken und Erinnerungen an verpasste Anrufe und Nachrichten einstellen.

Unter Sprache lässt sich die Sprachgeschwindigkeit und Sprachtonhöhe anpassen. Unter Ton lässt sich die Lautstärke sämtlicher Systemkomponenten wie Lautstärke des Klingeltons oder des Weckers konfigurieren. Unter Töne hingegen lassen sich Klingel- und Nachrichten-Töne anpassen. Unter Bildschirm kann eine spezielle Bildschirmsperre aktiviert, die Standby-Zeit eingestellt und die Schriftgröße angepasst werden. Außerdem steht eine Option zum Bildschirmvorhang aktivieren, auch bekannt von anderen Smartphones, bereit. Ist die spezielle Bildschirmsperre aktiv, muss der Bildschirm zusätzlich durch Drücken der Lautstärke-Taste entsperrt werden.

Unter dem Menüpunkt Aktion während des Anrufs kann z.B. die Gesprächslautstärke angepasst und die Gesten für das Annehmen und Ablehnen des Anrufs eingeschaltet werden. Sind diese Gesten deaktiviert, kann ein Anruf nur durch die Standby-Taste angenommen und abgelehnt werden. Dies funktioniert laut Handbuch nicht in neueren Smartphones. Unter Bildschirmleser lässt sich zum Beispiel das Vorlesen von Benachrichtigungen einschalten.

Unter Drahtlose Verbindung lassen sich WLAN und Bluetooth ein- und ausschalten. Unter Tastatur kann die Standard-Zurück-Taste von Android aktiviert werden, damit man etwas effektiver aus dem Eingabefeld springen kann. Außerdem kann statt der Standardtasten auch das Zeichnen von Buchstaben und Zahlen aktiviert werden. Aktiviert man unter Schreiben mit Tastatur Konfigurieren die Option Erweiterte Aktion bei Untersuchen der Tastatur einschalten, liest Corvus beim Berühren der Buchstaben alle Buchstaben, die auf der jeweils berührten Taste liegen.

Unter Hauptbildschirm Verknüpfung können verschiedene Gesten für Anwendungen oder Aktionen definiert werden. So kann man beispielsweise bei gedrückter Lautstärke-Taste und Streichen mit zwei Fingern das Update-Fenster öffnen. Die Verknüpfungen funktionieren nur außerhalb des Startmenüs der Corvus-Oberfläche.

Durch Drücken der Android-Home-Taste kann man von der Corvus-Oberfläche zur normalen Android-Oberfläche wechseln. Da TalkBack und Corvus sich nicht verstehen, ist TalkBack standardmäßig deaktiviert, so dass man als blinder Nutzer auf der normalen Oberfläche nicht mehr navigieren kann. Auch wenn man auf die Corvus-Oberfläche zurückwechselt, muss man erst den Bildschirm sperren und anschließend wieder entsperren, damit man hört, dass man wieder auf der Corvus-Oberfläche ist.

Corvus - Nutzung für sehbehinderte Menschen

Das visuelle Layout zeigt analog zur Nutzung per Sprachausgabe immer nur eine Option. Für Nutzer, die Elemente nach Farbe und/oder Position visuell auswählen können, sind so sicher manche Abläufe umständlicher als auf der Standard-Android-Oberfläche.

Die Schrift ist sehr kontrastreich (Kontrastverhältnis 12,3:1, orange auf schwarz) und lässt sich sehr groß stellen (32 Punkt) - so groß. dass bei einem E-Mail-Text nur noch ein bis zwei Worte auf eine Zeile passen.

Apps und Bereiche usw. werden zusätzlich durch ein großes, kontrastreiches Icon angezeigt (siehe Abbildung am Beginn). Für stark sehbehinderte Menschen, die hauptsächlich nicht-visuell arbeiten, mag dies eine zusätzliche Hilfe sein. Weitere Tests oder Erfahrungsberichte von sehbehinderten Menschen würden hier zusätzliche Ausschlüsse bringen.

Hilfe

Unter Hilfe können Informationen zum Smartphone, zur Corvus-Version und zur Corvus-Lizenz abgerufen werden. Außerdem kann hier das Corvus-Update angestoßen werden.

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