Fünf iOS Navigations-Apps im Vergleich

24. Oktober 2013

Blinder Nutzer navigiert mit dem iPhone in der Hand

Navigations-Apps sind für blinde Menschen entscheidende Hilfsmittel für die selbstständige Nutzung öffentlicher Räume. Robbie Sandberg hat fünf iOS-Apps in der Praxis getestet.

Da die Testergebnisse nicht mehr aktuell sind, empfehlen wir unseren Leitfaden Navigation für detaillierte Informationen zu diesem Thema.

Einleitung

Seit in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts das Global Positioning System (GPS) für die zivile Nutzung verfügbar wurde, wussten blinde Menschen um das ungeheure Potential, das satellitengestützte Navigation für sie haben könnte.

Für Menschen, die weder Stadtpläne noch Straßenschilder und Hausnummern lesen können, die nicht mit einem Blick die Geschäfte einer Fußgängerzone erfassen oder in fremder Umgebung gezielt ein Restaurant ansteuern können, bedeutet satellitengestützte Navigation Teilhabe und Unabhängigkeit. Das Erkunden einer Stadt, eine Geschäftsreise, ein Strandspaziergang sind nun möglich, ohne die Hilfe anderer in Anspruch nehmen zu müssen. Zunächst fehlte es aber an zugänglichen Geräten und Software.

Die ersten für blinde Nutzer konzipierten Lösungen kamen um die Jahrtausendwende auf den Markt. Diese tragbaren Geräte waren meistens umständlich zu bedienen und mussten mit Schulterriemen oder Nackengurt getragen werden. 2004 wurde mit Loadstone GPS die erste Handy-Software für blinde Nutzer entwickelt. In den folgenden Jahren gab es einige wenige Lösungsansätze, die für die Handy-Betriebssysteme Symbian und Windows Mobile entwickelt wurden, die blinde Nutzer mittels einer Sprachausgabe bedienen konnten.

Mit dem Smartphone und den Apps, die darauf laufen, steht uns heute ein breit gefächertes Angebot von Navigationshilfen zur Verfügung. Die große Auswahl wird jedoch schnell zur Qual der Wahl. Gerade frisch gebackene Smartphone-Nutzer wissen oft nicht, welche App für sie die Richtige ist.

Es gibt für blinde Nutzer entwickelte Apps und solche, die für die Allgemeinheit entwickelt wurden. Einige sagen Orte von Interesse (englisch: Points of Interest, kurz POI) in der Umgebung an, andere nennen Hausnummern, wieder andere können den Nutzer auf einer Route führen. Manche Apps können von allem etwas – aber wie gut können sie es, und wie zugänglich sind sie für blinde Nutzer? Die fünf hier getesteten Apps enthalten sowohl blindenspezifische als auch Mainstream-Produkte. Gemeinsam enthalten sie alle Leistungsmerkmale, die Navigations-Apps derzeit bieten.

Die getesteten Apps

Zu Beginn unserer Testreihe haben wir uns auf iOS-Apps beschränkt, da dies das von Blinden am meisten genutzte (da zur Zeit am besten zugängliche) Betriebsystem ist. Die folgenden fünf iOS-Apps haben wir untersucht:

Ariadne GPS

Ariadne ermöglicht das schnelle, unkomplizierte Eintragen eigener POI. Orte von persönlichem Interesse oder Wegmarkierungen können unter einem beliebigen Namen gespeichert werden. Durch das Ansteuern verschiedener Informationsfelder auf dem Bildschirm lassen sich Entfernung und Richtung zum nächstgelegenen POI sowie Gehrichtung, Gehgeschwindigkeit, GPS-Genauigkeit usw. abfragen. Bei Annäherung an einen POI wird der Anwender ab einer einstellbaren Entfernung durch ein Tonsignal und Voiceover über Richtung und Entfernung informiert.

Ariadne greift außerdem auf Open Street Map-Daten zu und informiert auf Wunsch laufend über Straßennamen und Hausnummern. Hierzu ist eine Internetverbindung erforderlich. Das Setzen und Verfolgen eigener POI ist auch ohne Internetverbindung möglich.

Nutzer von Loadstone, einer Navigations-App für Symbian-Handys, können ihre Loadstone POI über iTunes in Ariadne importieren.

Ariadne eignet sich besonders zum Navigieren in der freien Natur und zur Positionsbestimmung in einer Straße. Die App informiert nicht über öffentliche POI und bietet keine Routenführung.

BlindSquare

BlindSquare ist eine vielseitige Navigations-App, von Blinden für Blinde Konzipiert. Eine App-eigene Sprachausgabe informiert den Anwender über Kreuzungen und POI in der Umgebung, wobei die POI-Kategorien, etwa Essen, Nachtleben oder freie Natur, aktiviert bzw. deaktiviert werden können.

BlindSquare gibt während der Fortbewegung Richtung und Entfernung von POI an, die zu den aktivierten Kategorien gehören und sich innerhalb des eingestellten Suchradius befinden. Ebenso lassen sich Listen aller POI einer bestimmten Kategorie abrufen. Durch Doppel-Tippen auf einem POI lässt sich die Adresse, die Telefonnummer oder, falls vorhanden, die Speisekarte eines Restaurants anzeigen. Weiterhin kann ein POI "verfolgt" werden, wodurch Richtung und Entfernung wiederholt angesagt werden.

Wird ein POI den Favoriten hinzugefügt, lässt sich eine individuelle Meldedistanz einstellen. Wird diese erreicht, erfolgt jedes Mal ein Signalton sowie eine Ansage von Richtung und Entfernung. BlindSquare ermöglicht auch das Abrufen einer Liste nahegelegener Kreuzungen oder das Abfragen der aktuellen Position, also der Adresse und gegebenenfalls eines nahegelegenen POI. Die aktuelle Position kann unter einem beliebigen Namen als eigener POI gespeichert werden, der sich dann ebenfalls verfolgen und favorisieren lässt. Jedweder POI lässt sich simulieren, so dass der Anwender, etwa vor Urlaubsantritt, die Umgebung des Reiseziels virtuell erkunden und gegebenenfalls bestimmte POI vorab als Favoriten speichern kann.

Bei Annäherung an eine Kreuzung wird diese angekündigt, wobei BlindSquare nur die Straßennamen nennt. Die App gibt keine Auskunft darüber, welche die Quer- und welche die Parallelstraße ist. Die aktuelle Position, und damit die Straße, lässt sich zwar durch Schütteln des Gerätes abfragen, aber in schwierigen Situationen, etwa ein Karree mit mehreren Kreuzungen, wäre eine Information über den Kreuzungsaufbau wünschenswert.

BlindSquare verfügt noch nicht über eine turn-by-turn Routenführung, bietet aber die Option, andere Navigations-Apps wie die Apple-Karten-App oder Google Maps aufzurufen, in denen dann eine Route vom aktuellen Standort zum gewünschten POI berechnet wird. BlindSquare kann nach Wunsch im Hintergrund weiter laufen und Kreuzungen ankündigen, wenn die genutzte Navigations-App nicht genügend Informationen liefert. Dies kann sehr hilfreich sein, führt aber gelegentlich zu sich überschneidenden Ansagen, was die Verständlichkeit stark beeinträchtigen kann.

Die Nationalität der Sprachausgabe ist frei wählbar. So können Reisende sich Straßennamen und POI in der Landessprache ansagen lassen. Allerdings werden dann auch Richtung und Entfernung in der Landessprache angesagt.

Da BlindSquare die POI-Daten aus dem sozialen Netzwerk FourSquare bezieht, funktioniert es hervorragend in Großstädten oder Gebieten mit starkem Tourismus. In ländlichen Gebieten und Kleinstädten sind viele POI noch nicht erfasst.

Die App ist ein Muss für blinde Reisende und eignet sich vorzüglich zum Erkunden einer Stadt sowie als Orientierungshilfe beim Ansteuern von POI.

Myway Classic

Myway Classic ist eine für blinde Nutzer konzipierte App, die in erster Linie das Aufzeichnen von Routen ermöglicht. So werden im Aufzeichnungsmodus Routenpunkte erzeugt, wenn sich die Richtung ändert oder das Gerät geschüttelt wird. Die so erzeugte Route kann unter einem beliebigen Namen gespeichert und wahlweise in der Hin- oder Rückrichtung abgegangen werden.

Die App nutzt keine Internetverbindung, um auf Kartenmaterial zuzugreifen. Der Schweizerische Blinden- und Sehbehindertenverband (SBV) stellt allerdings für bestimmte Regionen erstellte OSM-Dateien bereit, die auf einen Rechner heruntergeladen und mit iTunes auf das iPhone übertragen werden können. Werden diese als Routen geladen, lassen sich nahe gelegene Kreuzungen oder POI wie Routenpunkte verfolgen, wobei Myway Classic wiederholt Richtung und Entfernung über Voiceover ausgibt. Diese Funktion muss jedoch als umständlich bezeichnet werden und ist mit einer App wie BlindSquare komfortabler zu nutzen. Verfügt der Nutzer nicht über eine Internet-Flatrate oder möchte die im Ausland oft horrenden Internetgebühren meiden, ist Myway Classic jedoch eine günstige Alternative.

Myway Classic eignet sich haupsächlich zum Aufzeichnen von Routen, etwa beim erstmaligen Abgehen eines Weges mit einem Freund, oder um zurückgelegte Strecken in nicht kartografiertem Terrain festzuhalten.

Karten

Die im Betriebssystem iOS enthaltene Karten-App ist weitgehend zugänglich und verfügt über eine turn-by-turn Routenführung für Fußgänger. Bei der erstmaligen Berechnung einer Route wird standardmäßig eine Fahrtroute angeboten, auch wenn in den Einstellungen "zu Fuß" als bevorzugte Route festgelegt wurde. Die Fußgängerroute muss jedes Mal ausgewählt werden. Gespeicherte Routen behalten den einmal ausgewählten Modus bei.

Die App ermöglicht das einfache Suchen nach POI und Adressen. Einmal abgerufene Routen werden gespeichert, so dass sie sich nach Belieben erneut aktivieren lassen. Ein Tauschen von Start und Ziel gespeicherter Routen ist nicht möglich. Diese Option steht unverständlicherweise nur in der Suchmaske zur Verfügung, in der der Anwender Start und Ziel per Hand eingibt. Allerdings ist es immer möglich, eine Route vom aktuellen Ort zu einem einmal besuchten Ort abzurufen.

Die Routenanweisungen werden über die Stimme der für das iPhone eingestellten Standardsprache ausgegeben, die blinde Nutzer als VoiceOver-Stimme kennen. Daher heben sich die Routenanweisungen nicht deutlich hörbar von anderen Meldungen des iPhone ab.

Die App gibt zunächst an, auf welcher Straße und in welcher Himmelsrichtung eine Route begonnen werden soll. Es empfiehlt sich, die aktuelle Himmelsrichtung mit Hilfe der in iOS enthaltenen Kompass-App zu ermitteln. Diese kann auch während der Navigation aufgerufen werden. Die berechnete Route bleibt in der vorübergehend geschlossenen Karten-App aktiviert. Die in Karten integrierte Kompassfunktion hingegen steht bei einer aktiven Route nicht zur Verfügung.

Bei Richtungsänderungen gibt die App an, in welcher Entfernung in welche Straße abgebogen werden soll. Querstraßen werden nicht genannt. Die Ansage der Entfernung bis zur nächsten Abbiegung ist ein Plus, dennoch fehlt es blinden Nutzern an Informationen über Querstraßen und den Aufbau von Kreuzungen. Im Ortungsmodus "Weiter Richtung" sagt VoiceOver zwar während der Fortbewegung Straßen und Kreuzungen an, doch leider steht dieser Modus nicht bei der Navigation auf einer Route zur Verfügung. Für blinde Anwender wäre eine Kombination aus Routenführung und "Weiter Richtung" wünschenswert. Ein weiterer Pluspunkt ist die "Route Verlassen"-Warnung. Wird eine Route verlassen, fordert die App zunächst zum Umkehren auf und berechnet die Route erst dann neu, wenn die Aufforderung nicht befolgt wird.

Für eine aktive Route kann eine Wegbeschreibung abgerufen werden, also eine Liste der Straßen und der jeweils zurückzulegenden Entfernung. So lässt sich eine Route virtuell erkunden, bevor der Nutzer sich auf die Straße begibt.

Leider ist der Bildschirm recht unübersichtlich. Um Informationsfelder und Schaltflächen zu erreichen, muss der Anwender sich durch POI und Straßen wischen, die dynamisch eingeblendet werden und den Bildschirm füllen. Außerdem wird die Taste "Beenden" in der getesteten Version nicht immer von VoiceOver angesagt. Ist das der Fall, muss die App im App-Umschalter geschlossen werden, um die Navigation auf einer aktiven Route abzubrechen.

Apple Karten eignet sich für blinde Nutzer zum virtuellen Erkunden einer Route und ist hilfreich bei der Navigation. Die App bietet jedoch bei Weitem noch nicht die für blinde Nutzer erforderliche Informationsdichte und Benutzerfreundlichkeit (Usability).

Google Maps

Google Maps ist eine weitgehend zugängliche Navigations-App mit turn-by-turn Routenführung für Fußgänger. Sie ermöglicht ein unkompliziertes Suchen nach POI und Adressen, so dass Start- und Endpunkt einer Route schnell festgelegt sind. Diese lassen sich bei Bedarf vertauschen. Leider wird der Verlauf, also eine Liste bisher genutzter Routen, nur dann gespeichert, wenn der Anwender über ein Google-Konto verfügt und sich damit in Google Maps anmeldet. In diesem Fall können zuvor genutzte Routen bequem aufgerufen werden. Im Startbildschirm werden Nah- und Fernverkehrshaltestellen in der Umgebung angezeigt, die als Routenziel ausgewählt werden können.

Die App-eigene Sprachausgabe gibt an, in welcher Himmelsrichtung eine Route begonnen werden soll. Die aktuelle Himmelsrichtung kann vorher, aber auch während der Navigation mit Hilfe der in iOS enthaltenen Kompass-App ermittelt werden. Die berechnete Route bleibt in der vorübergehend geschlossenen Navigations-App aktiviert. Der in Google Maps enthaltene Kompassmodus ist während der Navigation leider wirkungslos.

Auf welcher Straße die Route begonnen werden soll, wird nicht immer angesagt. Wovon die Nennung der Ausgangsstraße abhängt, war nicht zu ermitteln. Soll die Richtung geändert werden, fordert die App zum Abbiegen auf. Straßenüberquerungen und zurückzulegende Entfernungen werden nicht angesagt. Für Blinde, die keine Straßenschilder lesen und ihre Umgebung nicht visuell erfassen können, sind die Informationen oft unzureichend. Die zur aktiven Route gehörigen Straßen und die jeweils zurückzulegenden Entfernungen sind in einer Schritt-für-Schritt-Liste einsehbar, die umständlich aufzurufen ist und schleppend reagiert. Allerdings ermöglicht diese Übersicht das Erkunden einer Route vor ihrem Antritt.

Google Maps weist nicht verbal auf das Verlassen einer Route hin, sondern berechnet lediglich nach längerer Zeit eine neue Route. Diese wird zwar in der oben genannten Routenübersicht angezeigt, es erfolgt aber kein verbaler Hinweis darauf, dass die ursprünglich berechnete Route verlassen und eine neue Route berechnet wurde. Verwunderlich ist der Vibrationsstoß, der sich an eine Routenanweisung anschließt. Er erfüllt keinen offensichtlichen Zweck. Sinnvoll wäre ein kurzes Vibrieren, dass auf eine darauf folgende Routenanweisung hinweist.

Google Maps eignet sich als Navigationshilfe, bleibt aber hinter den Erwartungen blinder Anwender zurück, die mehr und detailliertere Informationen benötigen. Auch scheint die Routenführung nicht durchdacht. Google weist darauf hin, dass die Fußgängernavigation sich noch in der Beta-Phase befindet.

Vergleichsübersicht

  Ariadne GPS BlindSquare Myway Classic Karten Google Maps
Barrierefrei Ja Ja Ja Eingeschränkt Weitgehend
POI-Suche möglich Nein Ja Nein Ja Ja
Adresssuche möglich Nein Ja Ja Ja Ja
"Wo-Bin-Ich" Funktion Ja Ja Ja Nein Nein
Umschaufunktion Nein Ja Ja Nein Nein
POI in Gehrichtung abfragen möglich Nein Ja Ja Nein Nein
Routenführung möglich Nein Nein Ja Ja Ja
"Route verlassen" Warnung NE NE Nein Ja Nein
Routenaufzeichnung möglich Nein Nein Ja Nein Nein
Eigene POI anlegen möglich Ja Ja Ja Nein Nein
App-eigene Stimme Nein Ja Nein Nein Ja
Ohne Internet nutzbar Ja Nein Ja Nein Nein
Kartenquelle OSM OSM / Foursquare OSM TomTom TomTom
Kartendaten im Preis inbegriffen Ja Ja Ja Ja Ja
Preis 5,49 € 17,99 € 13,99 € Gratis Gratis
Herausgeber Luca Ciaffoni MIPsoft SBV Apple Google
Getestete Version 4.1.2 1.51 1.2 iOS 7.3 2.3.4.13597

Legende

  • POI (Point Of Interest): Ein Ort von öffentlichem oder privatem Interesse, etwa ein Geldautomat, eine Apotheke oder ein persönlich gewählter Treffpunkt.
  • "Wo-Bin-Ich" Funktion: Die App gibt die aktuelle Addresse und ggf. den nächstgelegenen POI aus.
  • Umschaufunktion: Die App gibt Richtung und Entfernung umliegender POI aus.
  • Routenführung: Die App gibt durch eine integrierte Sprachausgabe oder über den Bildschirm Richtungsanweisungen, die einer vorher berechneten Route folgen.
  • Turn-by-turn-Navigation: Siehe Routenführung.
  • Aktive Route: Eine Route, für die der Navigationsmodus der App aktiv ist.
  • "Route verlassen"-Warnung: Hinweis, dass eine aktive Route verlassen wurde.
  • Routenaufzeichnung: Festhalten eines zurückgelegten Weges zur späteren Nutzung der Routenführung.

Kommentare

Kommentar von Dennis |

Die beste iOS Navigations-App für Fußgänger die ich bisher gefunden habe ist Navigon Urban. Im Gegensatz zu Apple, Google Maps oder auch dem normalen Navigon sind die Karten speziell für Fußgänger, d.h. die Navigation nimmt findet beispielsweise Wege nur für Fußgänger oder auch die Fußgängerbrücke über die Autobahn (alle anderen Apps wollten mich durch die halbe Stadt jagen, da sie diese einfach nicht kannten). Preis ist unter 5 Euro.

Antwort von Robbie Sandberg (INCOBS)

Es ist richtig, dass Navigon eine Alternative zu Google Maps und Apple Karten ist. Die App weist aber auch schwächen auf. So schweigt die Routenführung sich gänzlich aus, wenn eine Route in der falschen Richtung begonnen wird. Google Maps wiederholt zumindest Himmelsrichtung und Straße. Navigon gibt zwar zurückzulegende Entfernungen an, aber nicht, in welche Straße abgebogen werden soll. Querstraßen werden ebenfalls nicht genannt. Die Berechnung von Fußgängerrouten ist bei Navigon tatsächlich nicht schlecht. Bei den Routenanweisungen kommt es allerdings zu Blüten wie, "In 50 metern geradeaus fahren". Bei Navigon hat sich längere Zeit nichts geändert und die genannten Schwächen bestehen fort. Da es sich bei der Fußgängernavigation von Google maps um eine beta Version handelt, besteht Hoffnung, dass die App weiterentwickelt wird. Dennoch sollten interessierte Navigatoren Navigon ruhig einmal ausprobieren. Bei Apps, die sich von der Leistung her ähneln, entscheiden ja oft persönliche Bedienkriterien.

Kommentar von Leseguenni |

1.: Ariadne gps greift von sich aus auf Google maps zu. Daten von open street maps können aber importiert werden. Das Programm tut sich allerdings mit größeren Dateien sehr schwer und stürzt beim importieren dann ab.
2.: Blindsquare greift zwar für die Pois auf die Datenbank in Foursquare zu, Straßen und Adressen werden allerdings von Open street map genommen. Die sind zumindest in Europa doch sehr vollständig, also auch im ländlichen Raum abrufbar.
3.: Mit Myway classic kann man sich durchaus auch Pois anzeigen lassen. In open street maps sind diese ja auch eingetragen. Allerdings muss man sie dazu vorher in der entsprechenden Datei für das Filterprogramm eintragen, mit dem man die osm dateien bearbeiten muss, bevor man sie nutzen kann. Dasselbe gilt natürlich auch für Ariadne gps. Wie schon geschrieben kann man auch hier osm-Dateien importieren. Also für beide Programme theoretisch die selben Dateien nutzen. Theoretisch deshalb weil wiegesagt Ariadne gps mit größeren Dateien schnell Schwierigkeiten hat, wogegen Myway damit problemlos klarkommt.
Was gar nicht erwähnt wurde, aber für blinde vielleicht nicht uninteressant ist, ist, dass man sowohl in Ariadne gps, als auch in Apple maps auf dem Bildschirm die Karten als solche erkunden kann.

Antwort von Robbie Sandberg (INCOBS)

Vielen Dank für Deine Hinweise. Generelll geht es bei diesem test nicht darum, jede Funktion einer App im Einzelnen zu beschreiben, sondern herauszuarbeiten, was die Apps im Bezug auf Navigation gut können und was weniger gut bzw. wofür sie sich eignen. Die herausragende Eigenschaft von BlindSquare z.B. ist die Aufbereitung von POI. Daher die Aussage, dass die App besonders dort gut funktioniert, wo viele POI erfasst sind.

Kommentar von Carsten Albrecht |

An dem Test bzw. dessen Inhalt stimmt imho alles. Bin nur etwas erstaunt über den Kommentar, in dem Navigon Urban als Alternative empfohlen wird. Bin der Meinung, dass bei der Fußgängernavigation mit Hilfe dieser App gerade für blinde Anwender wichtige Informationen fehlen. Wäre gut, wenn INCOBS das auch noch mal unter die Lupe nehmen könnte.

Kommentar von Mike |

In Sachen BlindSquare sollte man vielleicht noch die "Umsehen" Funktion erwähnen: in diesem Modus kann man das iPhone einfach in eine bestimmte Richtung halten und die App sagt an, was in dieser Richtung liegt (8 Kpmpasspunkte werden unterschieden). Damit lässt sich dann auch die komplexere Kreuzung gut erkunden. Dies funktioniert übrigens auch bei Simulation eines anderen Standortes, was einen guten Überblick über einen anderen Ort verschaffen kann.

In der Apple eigenen Karten App mag ich besonders das Feature, meine Umgebung erkunden zu können. Es braucht etwas Fingerspitzengefühl, aber man kann auf der eingeblendeten karte die Straßen mit dem Finger abgehen, akustische Signale zeigen an, ob man "von der Straße abkommt". Das ist ein gutes Feature, um sich einen Überblick über die Umgebung des aktuellen Standortes zu verschaffen, z.B. im Hotel.

Was die Ansage des Verlassens der Route angeht, dass ist wohl ein typischer Fall für "Geschmackssache". Ich persönlich kann es überhapt nicht leiden, wenn Navis mich zurück auf irgendeine Route bringen wollen. Zum einen macht es keinen Sinn, ich bin ja schon woanders. Zum anderen gibt es vielleicht einen Grund für das Verlassen der Route, z.B. eine unübersichtliche Kreuzung oder schlicht eine gesperrte Straße.

Persönlich komme ich am besten mit BlindSquare zurecht. Gerade in der Stadt sind die "Ziel auf 2 Uhr" Ansagen für mich wertvoller als Versuche, mich irgendeine spezifische Route entlang schicken zu wollen. Die GPS Genauigkeit ist meiner Meinung einfach durchgängig zu schlecht, um Routen in der Innenstadt sinnvoll verfolgen zu können. Sowohl Navigon als auch Karten vertut sich da gerne mal um 100m.

Kommentar von Robbie Sandberg |

Im BlindSquare Test wird zu Version 1.51 gesagt, dass die App nicht über das Layout von Kreuzungen informiert. In Version 1.52 ist dieses Feature enthalten. BlindSquare sagt nun zuerst den Namen der Straße an, in der sich der Nutzer befindet. An zweiter Stelle wird die Querstraße genannt. Eine genauere Beschreibung, etwa T-Kreuzung, ist aufgrund der Datenquelle (OSM) wohl nicht möglich. Dennoch ist dies eine sehr hilfreiche Anpassung.

Kommentar von H. Platz |

Vielen Dank Herr Sandberg für Ihren ausführlichen Artikel!
Ich arbeite am BFW Würzburg als Rehabilitationslehrer für Orientierung und Mobilität. Wir haben uns bereits telefonisch ausgetauscht.

Ich habe einige Anmerkungen bzw. Richtigstellungen:
Kartenapp
Es gibt eine "Wo bin ich – Funktion". Es kann die eigene Position erfasst werden, indem man auf der Kartenansicht bis "aktuelle Position" und dann auf "weitere Information" wischt und doppelt tippt. Hier öffnet sich eine neue Seite mit u.a. der Adresse.
Wenn man Siri "wo bin ich?" fragt, startet sie die Karten-App und gibt Auskunft über die Position - die Genauigkeit wird evtl. verbessert, wenn man noch einmal fragt.
Die Kartenapp kann mit eigener Stimme sprechen, verwendet aber die Stimme von Siri, die sich von der VoiceOver-Stimme deutlich unterscheidet. Navigation beenden ist möglich, indem man auf die Mitte des Bildschirms doppelt tippt, was zugegebenermaßen für einen blinden Nutzer schwierig ist. Erst dann erscheint links oben der Schalter "Beenden", den man mit Linkswisch erreicht. Ausprobieren.

GoogleMaps
Diese App nennt in der Regel beim Start die Straße, in der man sich befindet und dann die Himmelsrichtung. VoiceOver überlagert diese Ansage, deshalb sollte man vor Aktivierung des Schalters "Navigieren" VoiceOver mit zweimal Tipp mit drei Fingern deaktivieren. Dann ist immer noch ein Doppeltipp möglich.
Bei Verlassen einer Route wird die Straße, in der man sich bewegt und die entgegengesetzte Himmelsrichtung gesprochen, bevor die Route neu berechnet wird.
Eine Vibration bedeutet, dass eine Ansage gemacht wurde. Sinnvoller wäre es allerdings, diese voran zu setzen. GoogleMaps verwendet das eigene Kartenmaterial, nicht das von TomTom.

In Kombination mit der Orientierungshilfe Blindsquare sind Naviapps ideal. Ich habe von einigen Blinden gehört, dass sie trotz einiger Schwächen gerne mit TomTom oder Navigon arbeiten. Navigon-select ist für Telekom-Kunden gratis. Das Menü und die Darstellung der Karte im Nachtmodus ist auch für Sehbehinderte ein Versuch wert.

Es gibt mittlerweile einige Apps zu Orientierung und Mobilität. Um die Unterschiede der Funktionen deutlich zu machen, finde ich persönlich es besser, zwischen Navigationsapps und Orientierungsapps zu unterscheiden.

Eine Navigationsapp soll den Benutzer sicher zum gewünschten Zielpunkt zu steuern. Nachdem die aktuelle Position festgestellt wurde (Ortsbestimmung) wird die optimale Route zum Zielpunkt ermittelt. Nach dem Start werden üblicherweise nach dem heutigen Stand der Technik nur die Richtungsänderungen (turn-by-turn) angesagt. (Beispiel GoogleMaps, Karten, Navigon, TomTom)

Orientierungsapp können weitere Hilfestellungen und Infos geben:
Beispielsweise über POI (points of interest) im Stand und im Gehen informieren, Querstraßen ansagen, die zurückgelegte Strecke und den Standort ansagen.
(Beispiel Wohin?, AroundMe, BlindSquare)

Apps wie DBNavigator und Abfahrt runden mit Informationen zur Deutschen Bahn und dem öffentlichen Nahverkehr das Gesamtpaket ab.

Kommentar von Stephan |

Das aktuelle deutschsprachige Handbuch vom BlindSquare. Ein Blick hinein geworfen, offenbart das weiter wachsende Potential der App: http://mobil.kuubus.de/blindsquare-handbuch-deutsche-uebersetzung/

Liebe Grüße Stephan

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