Scan2Voice – Portables Bildschirmlesegerät mit Vorlesefunktion

15. Mai 2013

Scan2Voice-Gerät im Einsatz

Zusammenfassendes Ergebnis

Das Gerät Scan2Voice - Portables Bildschirmlesegerät mit Vorlesefunktion der Firma The Imaging Source Europe GmbH wurde im Zeitraum Februar-Mai 2013 vom Projekt INCOBS daraufhin geprüft, ob es von blinden Menschen zur Erfassung von gedrucktem Text verwendet werden kann. Einige indentifizierte Probleme, die die Software und das PDF-Handbuch betrafen, wurden vom Hersteller korrigiert. Umfang und Wirksamkeit der vorgenommenen Korrekturen wurden abschließend in einer Bewertung durch die Versuchsleiterin überprüft.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich das Gerät Scan2Voice nicht nur für sehbehinderte Menschen, sondern auch für die eigenständige Nutzung durch blinde Menschen eignet. Voraussetzungen sind allerdings gute PC- und Screenreader-Kenntnisse. Der Aufbau, Installation der Hardware ebenso wie die das Scannen, Vorlesen und Konvertieren von Dokumenten sind eigenständig durchführbar. Die PDF-Dokumentation ist barrierefrei umgesetzt.

Methodischer Ansatz / Vorgehensweise

Das vorliegende Gutachten basiert auf dem Testinstrument zum Produkttest „Vorlesesysteme“. Dieses Testinstrument wurde auf Basis eines Anforderungsprofils entwickelt, das die Anforderungen an die Gebrauchstauglichkeit der zu testenden Produktgruppe definiert. Die Entwicklung geschah unter Einbeziehung blinder oder sehbehinderter Anwender und Experten aus unterschiedlichen Bereichen (Hilfsmittelberater, Ausbildungseinrichtungen etc.). Eingesetzt wurden hierzu Experteninterviews, Gruppendiskussionen, Arbeitsplatzanalysen und die INCOBS-Mailingliste.

Auf Basis dieses Testinstruments wurde für den Scan2Voice-Test ein angepasstes Erhebungsinstrument entwickelt.

Scan2Voice wurde mit dem erstellten Erhebungsinstrument überprüft. Das Prüfteam bestand aus einem blinden Experten und der Versuchsleiterin, die in der Anwendung wissenschaftlicher Erhebungsverfahren geschult ist.

Die Auswertung erfolgt als detaillierte Beschreibung der Produkteigenschaften in den verschiedenen Prüfkategorien. In diesem Test nicht berücksichtigt wurde die Eignung des Geräts für sehbehinderte Nutzer mit unterschiedlichen Anforderungen, z.B. durch Bereitstellung verschiedener Darstellungsmodi (Kontrastansichten, Fokus-Hervorhebung, usw).

Das Scan2Voice-System wurde uns von der Firma The Imaging Source Europe GmbH für Testzwecke zur Verfügung gestellt. Der Test fand Ende Februar 2013 statt, ein Nachtest nach Korrekturen an der Software und der PDF-Dokumentation im Mai 2013.

Ablauf

  1. Die Versuchsleiterin machte sich mit Scan2Voice mittels der mitgelieferten Dokumentation vertraut, installierte und nutzte das Gerät, und erarbeitete auf Basis des Testinstruments „Vorlesesysteme“ ein repräsentatives Erhebungsinstrument mit einem Aufgabenkatalog für den Test.
  2. Der Aufgabenkatalog beinhaltete:
    • Aufbau und Installation (einschließlich Verkabelung und Installation der Software von der mitgelieferten CD)
    • Umgang mit Scannen und Texterkennung (starten, speichern, Wechsel zum editieren)
    • Texterkennung testen (Qualität der Ausgabe)
    • Nutzbarkeit der Navigation beim Vorlesen
  3. Ein blinder Experte wurde als Testperson ausgewählt. Der Experte ist seit Geburt blind, männlich und ca. 45 Jahre alt. Er hat langjährige Erfahrungen in der Nutzung von PCs, Screenreadern (insbesondere JAWS, in zweiter Linie NVDA und Window Eyes) und dem Einsatz von Scannern zur Texterfassung, aber keine vorgängige Erfahrung in der Nutzung von Scan2Voice.
  4. Der Experte wurde zu Beginn über Gegenstand und Ziel des Tests informiert und gebeten, über den eigenen Nutzungserfolg hinaus mögliche Probleme für andere weniger erfahrene Nutzer zu identifizieren.
  5. Bei Durchführung des Tests nannte die Testleiterin dem Experten die vordefinierten Aufgaben, die der Experte dann eigenständig durchzuführte. Die Aufgaben umfassten die ganze Nutzungskette, vom Aufbau und Anschluss des Gerätes und der Installation der Software bis zum Scannen einer Reihe von typischen Dokumenten.
  6. Kommentare des Experten sowie beim Testen beobachtete Probleme und Missverständnisse wurden von der Versuchsleiterin schriftlich protokolliert.

Genutzte Installation

Für die Prüfung wurde folgende Installation eingesetzt:

  • Desktop-PC mit Windows 7 (Deutsch), mit angeschlossenem Monitor zum Nachvollziehen der Interaktion durch die sehende Versuchsleiterin
  • Scan2 Voice AF S/N:07310061 (als Texterkennungssoftware wird FineReader genutzt)
  • JAWS 13 (Deutsch)
  • Lautsprecher und Tastatur
  • Braille-Zeile

Grenzen der Methodik

Die Basis des Ergebnisses ist ein Expertentest mit nur einer Versuchsperson. Die langjährigen Erfahrungen des gewählten Experten in der Durchführung von Hilfsmitteltests ermöglichen die Einschätzung der anzunehmenden Fähigkeiten blinder Menschen, die beruflich regelmäßig mit der Erstellung und Verarbeitung von Dokumenten am PC zu tun haben.

Die Beschränkung auf die alleinige Nutzung und Einschätzung eines Experten erlaubt keine abschließende Aussage darüber, in welchem Maße Scan2Voice evtl. auch für andere Nutzergruppen (etwa Nutzer mit geringen vorgängigen PC-Kenntnissen, Nutzer mit geringer Erfahrung im Umgang mit Screenreadern und Scannern, oder Nutzer mit motorischen Einschränkungen) eigenständig oder auch mit Hilfe von Sehenden nutzbar wäre. Dies wäre nur durch einen breiter angelegten Nutzertest ermittelbar.

Scan2Voice – das Gerät

Scan2Voice besteht aus einer Kamera an einem klappbaren Stativ. Trotz des zierlichen Gestells macht das Gerät einen stabilen Eindruck und ist mit einem Gesamtgewicht von einem Kilogramm tatsächlich sehr leicht und gut zu transportieren.

Die Kamera wird per USB an einen PC oder Laptop angeschlossen, auf dem die mitgelieferte Texterkennungssoftware installiert wird (insgesamt können drei Computer mit der Software ausgestattet werden). Eine gesonderte Stromquelle wird nicht benötigt, die Kamera wird über den Computer versorgt. Das Gerät enthält keine eigene Lampe, im Raum muss also für ausreichend Beleuchtung gesorgt werden. Sonst kommt es zu schlechteren Ergebnissen bei der Texterkennung.

Testergebnisse

Aufbau und Installation der Hardware

Blinde Nutzer können mit Hilfe der PDF-Dokumentation das Gerät aufbauen und eigenständig mit dem PC verbinden, Schwenkarm und Kamera in die Grundposition (Scannen von A4 Vorlagen) bringen, und das Anlegeblech befestigen. Das PDF zeigt den Aufbau nicht nur als schematische Zeichnung, sondern erklärt ihn zusätzlich.

Installation der Software

Die sprachgesteuerte Installation ist ohne Probleme möglich. Scan2Voice-Distributoren müssen hier allerdings darauf achten, Nutzern den Code der FineReader-Lizenz in einer nutzbaren Form (als Braille-Text oder über eine E-Mail) zur Verfügung zu stellen. Das System führt bei Erstinstallation in den normalen Modus mit sichtbarer Bedienleiste (nicht die Vollbildansicht). Vorgenommene Nutzereinstellungen werden beim Beenden der Anwendung gespeichert und beim nächsten Start der Anwendung als Default verwendet.

Bedienung

Die mitgelieferte Scan2Voice-Sprachausgabe wird für das Vorlesen der Texte verwendet, bei der Bedienung greift dann die Sprachausgabe von JAWS. Bei dem Hilfemenü F1 werden die Inhalte als HTML in einem Browserfenster angezeigt. Die Klammern um Kurzbefehle könnten entfallen, dann wäre die Sprachausgabe für Screenreader-Nutzer schlanker.

Dokumentation

Das Handbuch liegt als getaggtes PDF auf der Installations-CD vor. Die wichtigen Grafiken, die Aufbau und Positionen zeigen, haben sinnvolle Textalternativen.

Scannen und Texterkennung

Die Sprachausgabe wird nur tätig, wenn das Blatt gedruckte Inhalte aufweist. Es spielt keine Rolle, ob das Blatt richtig herum oder über Kopf eingelegt wird. Start erfolgt durch Drücken der Enter-Taste. Ein akustisches Signal bei Abschluss der Texterkennung wäre nützlich.

Speicherformate

Beim Speichern als PDF ist dieses getaggt, wort- und absatzweise Navigation ist möglich. Allerdings wird keine Überschriftenauszeichnung zugewiesen.

Beim Speichern als Word-Dokument werden Tabellen auch als Word-Tabellen umgesetzt, diese sind mit JAWs gut nutzbar.

Texteditor

Der Wechsel zwischen Scanmodus und Texteditor erfolgt über im Handbuch dokumentierte Kurzbefehle.

Navigation

Die Navigation beim Vorlesen (absatzweise, wortweise, buchstabieren) funktioniert gut. Die Interaktion zwischen der Scan2CVoice-eigenen Sprachausgabe und JAWS ist handhabbar. Manchmal muss die JAWS-Sprachausgabe abgeschaltet werden – etwa wenn im Menü „ Kurzbefehle vorlesen“ ausgewählt wird.

Einstellungen ändern / Hilfe

Der Hilfeaufruf erfolgt wie erwartet über die Funktionstaste F1. Die Tastenkürzel für die Funktionen werden vorlesen, allerdings wird die Liste als eine Art Bild ausgegeben, kann also nicht mit JAWS wiedergegeben werden und auch nicht in ein Dokument kopiert werden.

Zoomfunktion

Die Zoomfunktion ist eher für Nutzer mit Sehbehinderungen relevant und wurde in diesem Praxistest mit einem blinden Nutzer nicht berücksichtigt.

Qualität der Texterkennung

  • Die Qualität der Texterkennung ist insgesamt gut (Voraussetzung: ausreichende Ausleuchtung)
  • Bei Schriftgrößen kleiner als 9 Punkt treten Fehler auf, aber das Ergebnis ist im Ganzen auch bis Arial 7 durchaus akzeptabel
  • Auch helle Schrift auf dunklem Grund wird gut erkannt
  • Die Spaltenerkennung ist gut, Spalten werden erkannt und unabhängig von Bildunterbrechungen o.ä. vorgetragen
  • Ein Datum wird vorgetragen, englischer Text wird bei einzelnen gängigen Wörtern gut wiedergegeben, Sonderzeichen (etwa Euro/ Paragraph) werden vorgetragen, große Zahlen werden gut wiedergegeben, Abkürzungen werden erkannt
  • Bilder und Formularfelder werden ignoriert
  • Schwächen: Überschriften und fettgedruckter Text werden im Text-Editor nicht über Formatierung umgesetzt. Unterstrichener Text wird nicht als solcher angesagt.

Fazit

Scan2Voice ist für die eigenständige Nutzung durch blinde Menschen mit guten PC- und Screenreader-Kenntnissen geeignet. Der Aufbau, Installation der Hardware ebenso wie die das Scannen, Vorlesen und Konvertieren von Dokumenten sind prinzipiell eigenständig durchführbar. Die PDF-Dokumentation ist barrierefrei umgesetzt. Die Bedienung ist vollständig im PDF-Handbuch dokumentiert. Alle Grundfunktionen können mit Tastatur-Kurzbefehlen gestartet werden. Die Anwendung hält über die Hilfefunktion (F1) auch eine Dokumentation der Kurzbefehle bereit.

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