Tablet-Tests mit sehbehinderten Nutzern: Zoomvergrößerung

10. Juni 2014

iPad Kalender-App-Icon stark vergrößert

Die eingebaute Zoomfunktion erlaubt das starke Vergrößern aller Bildschirminhalte. Sie macht Tablets auch für stark sehbehinderte Nutzer bedienbar. In unserem Tablet-Test mit sehbehinderten Nutzern haben wir untersucht, wier gut die Zoomergrößerung funktioniert.

Eine Einführung, die Beschreibung der getesteten Geräte und Hinweise zur Methodik finden Sie im Artikel Tablet-Tests mit sehbehinderten Nutzern: Einleitung.

Einen ähnlichen Funktionstest haben wir im März im Testbericht iOS, Android, Windows Phone: Zoomvergrößerung im Vergleich vorgelegt. In unserem neuen Tablet-Test weicht besonders das Zoomverhalten von Windows 8 ab, das eine auch auf Mausnutzung ausgelegte Bildschirmlupe einsetzt. Windows Phone 8 nutzt dagegen ebenso wie iOS und Android die direkte Gestensteuerung auf den zu vergrößernden Inhalten.

Wir haben nicht die Desktopversion der Windows-Bildschirmlupe in den Test einbezogen. Startet man sie, wechselt man automatisch auf den Desktop, wechselt man zurück zum Modern- (früher: Metro-) Interface, verschwindet sie. Die Desktop-Version der Bildschirmlupe ist zudem klar auf Maus- bzw. Tastaturnutzung ausgelegt.

Die Bedienung der Zoomvergrößerung in iOS und Android ist im Prinzip identisch mit der Bedienung auf Smartphones. Was die Nutzbarkeit vergrößerter Inhalte angeht, gibt es dennoch einen wichtigen Unterschied: Die Tablets bieten bei gleicher absoluter Größe der Inhalte sehr viel mehr Kontext als die viel kleineren Smartphone-Displays.

Zoomvergrößerung unverzichtbar

Die Zoomvergrößerung wurde von allen sehbehinderten Nutzern benötigt, schon deshalb, weil die Schriftvergrößerung allein viele wichtige Elemente der Betriebssysteme und Apps nicht erfasst.

Ohne Zoomfunktion lassen sich z.B. App-Icons und Icon-Beschriftungen auf dem Startbildschirm bei keinem der Geräte vergrößern. Der Zoom hilft hier bei der Orientierung und beim Entziffern. Sind Aussehen und Ort der Icons erst einmal bekannt, war in den Nutzertests die Zoomvergrößerung auf dem Startbildschirm häufig nicht mehr nötig: Der "Fleck da unten" wurde im weiteren Verlauf richtig erkannt und genutzt.

Die Nutzung der Tablets mit Zoomvergrößerung hat natürlich ihren Preis: stark vergrößerte Inhalte sind nun zwar lesbar, aber viel weniger Inhalt passt in den vergrößerten Ausschnitt. Der Kontext von Informationen (Schalter, Beschriftungen, usw.) ist oft nicht sichtbar und erst durch das Verschieben des Bildausschnitts ermittelbar. (Umso wichtiger ist es natürlich, dass dieses Verschieben leicht und möglichst ohne Fehlbedienungen möglich ist.)

Wie gut lässt sich der Zoom bedienen?

Die drei verglichenen Betriebssysteme (iOS, Android und Windows 8) implementieren die Zoomfunktion auf unterschiedliche Weise. Sowohl Android als auch iOS haben eine brauchbare Umsetzung geschaffen. Android verfügt über einen Spot-Zoom, den iOS nicht hat, iOS hat dagegen deutliche Vorteile, wenn gleichzeitig eine Sprachausgabe angeschaltet wird. Die Windows Bildschirmlupe war damit verglichen sehr viel schwieriger zu nutzen.

Im Folgenden vergleichen wir die Funktionen der Zoomvergrößerung. Abgesehen von kleinen Unterschieden bei der Reaktionsgeschwindigkeit, funktioniert die Zoomvergrößerung bei den getesteten Android-Tablets im Wesentlichen gleich, weshalb die Ergebnisse hier zusammengefasst werden.

An-und Abschalten der Zoomfunktion

Bei iOS und Android spielt es für die gestische Bedienung (ohne Screenreader) im Grunde keine Rolle, ob die Zoomfunktion in den Bedienungshilfen aktiviert ist oder nicht (im Standard ist sie nicht aktiviert). Bei Android kann allerdings ein versehentliches Dreimal-Tippen leicht als Geste zum Reinzoomen interpretiert werden. iOS ist mit seiner Geste des Doppel-Tippens mit drei Fingern so spezifisch, dass Fehlaktivierungen hier bei unseren Nutzertests nicht vorkamen.

Ein weiterer Vorteil von iOS: hier lässt sich die Home-Taste so belegen, dass dreimaliges Drücken die Zoomfunktion ein- und ausschaltet. Ein solcher Kurzbefehl existiert bei Android nicht.

Das An-und Abschalten ist beim Windows-8-Tablet besonders umständlich: Kein Kurzbefehl ist hier für das Einschalten der Bildschirmlupe verfügbar, die sich dagegen im Grundzustand (unvergrößert) sehr leicht versehentlich schließen lässt. Sie muss dann umständlich über sechs Schritte (Charms Menü > Einstellungen > PC Einstellungen ändern > die Einstellungen > Erleichterte Bedienung > Bildschirmlupe) wieder aktiviert werden.

Fazit: Deutlich am besten gelöst ist das Anschalten der Zoomvergrößerung beim iPad.

Rein- und Rauszoomen

  • Android (Vergrößerungsbewegungen): Die Ein-Finger-Geste zum Rein- und Rauszoomen wurde von den meisten Nutzern als brauchbar beschrieben. Gelegentlich kam es in den Tests aber zu Fehleingaben: Apps wurden ungewollt geöffnet oder Funktionen unbeabsichtigt ausgelöst.
  • iOS (Zoom): Die Drei-Finger-Tippgeste zum Aktivieren des Zooms bei iOS hat den Vorteil, dass sie kaum mit einer anderen Geste verwechselt wird. Die intendierte Geste wurde manchmal versehentlich mit nur zwei Fingern ausgeführt und hatte dann unerwartete Konsequenzen (Apps wurden geöffnet).
  • Windows 8 Zoom (Bildschirmlupe): Bei aktivierter Bildschirmlupe tauchen in den oberen Ecken des Screens quadratische Bedienelemente mit Plus-Zeichen (zum Reinzoomen) und, nach dem Reinzoomen, in den unteren Ecken weitere Bedienelemente mit Minus-Zeichen (zum Rauszoomen) auf (siehe Abb. 1). Diese verkleinern den nutzbaren Bereich, Rein- und Rauszoomen geht nur über die Bedienelemente in den Ecken. Das ist umständlich.

Windows 8 Bildschirmlupe, Mail-App bei 300%

Abb. 1, Surface Pro 2: Ansicht der Mail-App mit 300 % Vergrößerung

Fazit: Das Rein- und Rauszoomen funktioniert sowohl bei Android als auch bei iOS ganz gut, die Gesten sind unterschiedlich. Welche Art gestischer Bedienung die Nutzer vorziehen, ist größtenteils Geschmacks- bzw. Gewöhnungssache. Deutlich schlechter schneidet Windows 8 ab, das Rein- und Rauszoomen ist viel umständlicher.

Vergrößerten Ausschnitt verschieben

  • Android (Vergrößerungsbewegungen): Gutes Verschieben mit zwei Fingern
  • iOS (Zoom): Gutes Verschieben - etwas komplexer als bei Android, da mit drei Fingern
  • Windows 8 Zoom (Bildschirmlupe): Transparente Leisten zwischen den Eck-Elementen dienen zum Verschieben des Ausschnittes in horizontale oder vertikale Richtung. Das macht das Verschieben und Absuchen des Bildschirms recht umständlich. Es geht nur vermittelt, nicht direkt, und jeweils nur in einer Achse (horizontal und vertikal).

Windows 8 Bildschirmlupe, Verhalten am Bildrand

Abb. 2, Surface Pro 2: Wird durch Verschieben ein Rand erreicht, verschwindet die dort befindliche Leiste, was in den Tests mit Nutzern häufiger zu Irritationen bzw. Phantom-Bedienungen führte: eine Geste zum Verschieben im Randbereich wird versucht, obwohl der Randbalken bereits verschwunden ist, und führt zu z.T. nicht intendierten Aktionen.

Fazit: Den vergrößerten Ausschnitt zu verschieben, geht gut, sowohl bei Android als auch bei iOS. Viel umständlicher ist das bei Windows 8.

Zoomfaktor ändern

  • Android (Vergrößerungsbewegungen): Intuitives Verändern des Zoomfaktors (wie beim Touch-Browser)
  • iOS (Zoom): Ändern des Zoomfaktors komplexer als bei Android
  • Windows 8 Zoom (Bildschirmlupe): Stufenweises Ändern des Zoomfaktors über die Ecktasten: Deutlich umständlicher als bei iOS und Android

Fazit: Am einfachsten ist die Änderung des Zoomfaktors bei Android – wohl, weil die Spreizgeste dem Modell der direkten Manipulation des Inhalts am nächsten kommt, aber auch, weil sie von der Browserbedienung auf Touch-Geräten her vertraut ist.

Spot-Zoom

Bei dieser Android-Funktion aktivieren Nutzer den Zoom durch Dreimal-Tippen und halten den Punkt nach dem dritten Tippen. Nach kurzer Verzögerung springt die Ansicht dann in den Zoom, ein Ziehen des Fingers ändert unmittelbar den angezeigten Ausschnitt. Beim Loslassen springt das Gerät in die ungezoomte Anzeige zurück.

  • Android (Vergrößerungsbewegungen): Nützliche (wenn auch in den Tests selten genutzte) Spot-Zoom-Funktion über Dreimal-Tippen- und Halten
  • iOS (Zoom): Keine Spot-Zoom–Funktion
  • Windows 8 Zoom (Bildschirmlupe): Keine Spot-Zoom-Funktion

Fazit: Eine nützliche, schnelle Funktion, die nur Android bietet.

Persistenz des Zooms

  • Android (Vergrößerungsbewegungen): Der Wechsel zwischen Apps und App-Screens führt automatisch zum Rauszoomen – das bedeutet, Nutzer erhalten einen Überblick (müssen aber auch erneut hineinzoomen). Dies wurde zum Teil von Nutzern kritisiert.
  • iOS (Zoom): Zoomfaktor bleibt beim Wechsel zwischen Apps und App-Screens erhalten – häufig ist aber nach dem Wechsel zur Orientierung ein Verschieben notwendig. Standard-Fokuspunkt ist Mitte oben, eine kurze Reinzoom-Animation beim Wechsel gibt etwas Kontext.
  • Windows 8 Zoom (Bildschirmlupe): Der Zoomfaktor bleibt bei Wechseln erhalten – ebenso wie bei iOS ist aber nach dem Wechsel zur Orientierung häufig ein Verschieben notwendig.

Fazit: Sowohl der persistente als auch der nicht persistente Zoom haben ihre Vorteile. Das Verhalten der Zoomvergrößerung sollte deshalb in diesem Punkt nutzerkonfigurierbar sein.

Probleme bei der Nutzung der Windows 8 Bildschirmlupe

Nicht nur ist die Nutzung der Windows 8 Bildschirmlupe umständlicher als die Zoomfunktion bei Android und iOS: sie schafft einige ärgerliche Bedienungsprobleme. Die Zoomtasten überlagern im nicht gezoomten Zustand (häufig zum Gewinnen einer Übersicht wichtig) wichtige Bedienelemente, etwa die Zurück-Taste bei den Unterpunkten von „PC Einstellungen“ oder das "Neue Mail"-Icon in der Mail-App (siehe Abb. 3).

Windows 8 Bildschirmlupe überlagert Bedienelemente
Abb. 3, Surface Pro 2: Beim Versuch, über das Plus-Icon rechts oben ein neues Mail zu öffnen (Verfassen), kommt es unabsichtlich zum Schließen der Bildschirmlupe durch das überlagernde X-Bedienelement.

Es gibt noch ein weiteres ärgerliches Problem. Der Aufruf zusätzlicher Funktionen in den marginalen Menüs über die Wischgeste vom Rand her funktioniert nicht unmittelbar, sondern führt zu einem ungewollten Verschieben des vergrößerten Ausschnitts bis an den Bildschirmrand. Nötig zum Aufruf des Marginalmenüs ist dann eine erneute Wischgeste vom unteren Rand her (siehe Abb. 4).

WIndowes 8 Bildschirmlupe, Probleme beim Aufruf des Marginalmenüs
Abb. 4, Surface Pro 2:
Konflikt zwischen Windows-8-Gesten und Gesten der Bildschirmlupe

Fazit

Die Zoomvergrößerung bietet für sich genommen bei iOS und Android Vergleichbares. Windows 8 fällt deutlich ab. Das liegt sicher auch daran, dass die Bildschirmlupe auch die Mausnutzung unterstützt und daher für die "direkte Manipulation" über Finger-Gesten einfach unhandlicher ist. Dazu kommen Nutzungsprobleme und Konflikte im Zusammenspiel mit Windows-8-Gesten und App-Bedienelementen, die von der Bildschirmlupe überlagert werden.

Nutzungsprobleme bei Zoomvergrößerung werden wir in einem weiteren Artikel ausführlicher behandeln.

Ein großer Pluspunkt von Apples iOS ist, dass nur hier das Zusammenspiel von Zoom und angeschaltetem Screenreader funktioniert. Android versetzt nicht den sichtbaren Ausschnitt auf den über Wischgesten ausgewählten Bereich. Für alle Vergrößerungsnutzer, die auch (häufiger mal) den Screenreader dazuschalten, ist also nur iOS wirklich brauchbar.

Zukünftige Entwicklungen bei Apple

Mit iOS 8 verbessert Apple noch einmal deutlich die Zoomvergrößerung. So wird es möglich sein, die Tastatur unvergrößert einzublenden. Außerdem gibt es den Linsen-Modus (Lens Mode), der in einer Lupenform einen beweglichen Ausschnitt vergrößert. Der maximale Vergrößerungsfaktor steigt auf 15 x. Mehr informationen im englischen Artikel New Accessibility Options in iOS 8 Include Grayscale, Zoom, Speak Screen.

Kommentare

Kommentar von Clemens Rüttenauer |

Dass dem Zoom eine so große Bedeutung zugemessen wird, wundert mich. Das hängt wohl mit der Arbeitsweise zusammen. Ich meine zwar auch, es ist gut, dass es Zoom gibt, aber für mich ist Zoom immer nur ein Notbehelf. Das große Manko ist, dass man sich ja immer nur im ursprünglich unvergrößerten Fenster bewegt. Ein Weiterscrollen, wie mit ZoomText am PC, ist nicht möglich.
Den Spot-Zoom bei Android (ich habe es genannt „Lesen mit dem Finger“) finde ich noch am praktischsten.
Doch jenseits aller digitalen Lösungen möchte eine Lanze brechen für eine ganz banale Lösung mit optischer Vergrößerung. Dazu eignen sich Lupenvorhänger, Monokular oder Fernrohrbrille – vielleicht sogar eine Uhrmacher-Lupe. Mit diesen Mitteln erreiche ich dieselbe Geschwindigkeit wie ein normal Sehender.

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