Schwierigkeiten bei der Touchscreen-Bedienung durch blinde Nutzer

31. Januar 2014

Unsere Tablet-Tests haben einige grundsätzliche Schwierigkeiten der Touchbedienung gezeigt, mit denen blinde Nutzer zu tun haben, wenn sie ein Tablet bedienen. Wir führen hier die wichtigsten auf.

Dieser Artikel ist Teil unseres Tablet-Vergleichstests, der auch den Test der Erstinstallation, eine Prüfung der Handbücher sowie technische Prüfungen der Calender Apps beinhaltete. Einen Überblick bietet der Artikel Tablet-Tests mit blinden Nutzern: Überblick. Ein weiterer Artikel befasst sich mit Interface-Problemen bei Tabletnutzung mit Sprachausgaben.

Wenn bei Touch-Geräten die Sprachausgabe (Screenreader) angeschaltet wird, ändert sich die Eingabemethode fundamental. Ist im Standardmodus ein einfaches Antippen genug, um ein Element zu aktivieren (etwa eine App zu öffnen), hat die Interaktion über den Screenreader zwei Stufen. Zuerst fokussieren Nutzer die Elemente, indem sie sie über Wischgesten der Reihe nach durchlaufen oder mit dem Finger den Bildschirm absuchen, bis das gesuchte Element gesprochen wird. In einem zweiten Schritt aktivieren sie das fokussierte Element mit einem Doppel-Tippen. Aktionen wie das Ziehen von Elementen, die auf visuellem Feedback beruhen, sind deaktiviert.

Unabsichtliche Berührungen

Ein häufiges Problem für ungeübte blinde Nutzer sind unbeabsichtigte und dabei oft nicht einmal bemerkte Berührungen des Touchscreens. Während die Bedienung meist nur mit einem oder zwei Fingern vorgenommen wird, sind die anderen Finger ebenfalls nicht weit vom Touchscreen entfernt und berühren diesen unabsichtlich. Dies hat besonders bei der Nutzung von Wisch-Gesten häufig zur Folge, dass der Fokus auf ein anderes Element versetzt wird, Nutzer also den aktuellen Fokus verlieren und auch nicht ohne Umstände wieder herstellen können.

Wenn Nutzer das Gerät in den Händen halten, können auch Finger der haltenden Hand versehentliche Berührungen auslösen. Das Problem unabsichtlicher Berührungen verringert sich mit zunehmender Übung in der Touchbedienung.

Verzögerte Reaktion auf gestische Eingaben

  • iPad mini / iOS 7: Die schnellste und zuverlässigste Reaktion auf Touch-Eingaben lieferte in unseren Tests Apples iPad.
  • Google Nexus 7 / Android 4.4: Zeigt häufig trägere Reaktion auf Eingaben als die verglichenen Geräte, stellenweise gibt es keine Reaktion oder erst beim zweiten Versuch.
  • ThinkPad Helix / Windows 8.1: Unter manchen Bedingungen ist die Reaktion auf gestische Eingaben fehleranfällig. So braucht es z.T. mehrere Versuche, um ein Kombinationsfeld über Doppel-Tippen zu erweitern, wenn die Tippgeste zufällig über einem anderen interaktiven Element stattfindet - stattdessen erfolgt häufig eine unbeabsichtigte Fokusversetzung.

Es war für uns nicht überprüfbar, ob eher die spezifischen Geräte, also die eingesetzten Bildschirme und die CPU-Leistung, oder eher das jeweilige Betriebssystem für die beobachteten Unterschiede verantwortlich ist.

Die Abgrenzung von Wischgesten und Tippgesten

Die richtige Durchführung von Wischgesten will gelernt sein. Sie war in unseren Tests für mehrere Probanden ein Problem. Das Wischen muss so durchgeführt werden, dass die Berührung in der Bewegung erfolgt, also nicht als Tippen registriert wird und damit den Fokus neu setzt. Einige Probanden führten Wischgesten häufiger auf eine Weise aus, die den Fokus unabsichtlich auf den Anfangs- oder Endpunkt der Wischbewegung setzte. Dass blinde Nutzer den Abstand zwischen Finger und Bildschirm nicht sehen, mag zu dem Problem beitragen. Dieses Problem ist eine Anfangshürde und verringert sich mit zunehmender Übung in der Touchbedienung.

Ein verwandtes Problem ist, dass ein Doppel-Tippen (besonders bei wiederholten Aktivierungsversuchen) versehentlich zu einem Dreifach-Tippen wird. Bei Windows 8 ruft so ein Dreifach-Tippen dann eine unerwartete "sekundäre Aktion" auf.

Die Abgrenzung vertikaler und horizontaler Wischgesten

  • iPad mini / iOS 7: Unter iOS sind vertikale Wischbewegungen anders belegt als horizontale: sie springen etwa zwischen App-Bereichen, nicht zwischen einzelnen Elementen. Die Abgrenzung stellte beim iPad kein Problem dar. Der iOS-Rotor wurde selten versehentlich aufgerufen (aber auch das kam vor).
  • Google Nexus 7 / Android 4.4: Android differenziert nicht zwischen horizontalen und vertikalen Wischgesten: nach rechts Wischen und nach unten Wischen werden z.B. gleich interpretiert. Dies mag die Bedienung erstmal vereinfachen, verschwendet aber auch einen grundlegenden Modus für die Unterscheidung gestischer Eingaben: die Richtung.
  • ThinkPad Helix / Windows 8.1: Windows 8 verwendet eine vertikale Wischgeste für den Wechsel zwischen den verschiedenen Lesemodi, die Narrator dann bei horizontalem Wischen durchläuft, etwa die Ausgabe von Absätzen, Zeilen, Wörtern, Überschriften, Links oder Elementen. Dies entspricht den Modi, die sich in Apples iOS über den Rotor wählen lassen. In der praktischen Nutzung zeigte sich, dass ein nicht ganz horizontales Wischen in Windows 8 häufiger zu Fehleingaben führte, also als vertikal interpretiert wurde und damit unbeabsichtigt den Lesemodus veränderte. Apples Rotor-Geste ist spezieller und daher weniger fehleranfällig.

Ortsabhängigkeit von Gesten

Bei Windows 8 besteht ein zusätzliches Problem für die Touchbedienung: Die Gesten haben verschiedene Auswirkungen abhängig davon, wo sie ausgeführt werden. So fügt im Kalender eine vertikale Wischgeste vom Rand her marginale Menüs ein (und zwar nicht immer nur an dem Rand, von dem her gewischt wurde, sondern oben und unten wie beim Kalender oder beim Wischen von oben auch mal nur unten, wie auf dem Startbildschirm). Dieselbe vertikale Geste veranlasst, in der Mitte ausgeführt, den Wechsel zwischen Navigationsmodi (Elemente, Links, Überschriften, Absätze, Zeilen, Wörter, Zeichen, Tabellen).

Beim horizontalen Wischen vom rechten Rand her wird das Charms-Menü mit globalen Funktionen und Einstellungen der jeweiligen App eingeblendet, ein Wischen vom linken Rand her veranlasst ein Wechseln zwischen offenen Apps – letzteres lässt sich zum Glück deaktivieren. In den Nutzertests mit Windows 8 kam es deshalb bei Wischgesten häufiger zu nicht beabsichtigten Eingaben. Auch dieses Problem wird nach einer Gewöhnung an das Gerät weniger ins Gewicht fallen.

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