Vergrößerungs-Apps im Testvergleich

5. Mai 2015

Windows Phone 8 App Microsoft Pocket Magnifier

Es gibt eine Reihe von Smartphone-Apps, die den klassischen elektronischen Lupen Konkurrenz machen. Sie nutzen die im Smartphone eingebaute Kamera, um Gedrucktes vergrößert darzustellen. Zum Teil gibt es auch die Möglichkeit, ein Standbild aufzunehmen und dieses weiter zu vergrößern und durch Verschieben zu lesen. Einige Apps bieten auch verschiedene Kontrastmodi, z.B. eine Farbumkehr.

Wir haben 9 preiswerte Vergrößerungs-Apps auf Phablets (großen Smartphones) getestet. Mit dabei waren fünf iOS-Apps, zwei Android-Apps und zwei Windows-Phone-Apps.

Vergrößerungs-Apps im Vergleich zu elektronischen Lupen

Ob eine Vergrößerungs-App auf dem Smartphone die elektronische Lupe ersetzen kann, hängt von verschiedenen Faktoren ab, zum Beispiel davon, ob die Vergrößerung "mal eben zwischendurch" oder für das Lesen längerer Texte unterwegs genutzt werden soll. Der folgende Abschnitt stellt die grundsätzlichen Vorteile klassischer elektronischer Lupen und die Vorteile von Smartphone-Apps gegenüber.

Was spricht für elektronische Lupen?

Die elektronischen Lupen haben einige Vorteile gegenüber den Vergrößerungs-Apps:

  • Bessere Ergonomie. Elektronischen Lupen liegen mit Bügeln oder Rollen in einem festen Abstand auf der Textoberfläche auf und lassen sich zum Lesen leicht verschieben, ohne dass sie freihändig im richtigen Abstand gehalten werden müssen. (So komfortabel wie ein stationäres Bildschirmlesegerät mit Kreuztisch sind sie aber natürlich nicht.) Einige haben auch ein kippbares Display für komfortableres Lesen von flach auf dem Tisch liegenden Druckwerken.
  • Unverwackelter Text. Elektronischen Lupen zeigen den Text unverwackelt und gleichmäßig scharf. Das ist vor allem für Nutzer entscheidend, denen freihändiges Halten zu anstrengend ist. Auf einem Smartphone wackelige Inhalte zu lesen, ist aber auch sonst eher nur für kurze Texte (Packungsbeilagen, Menüs, Rezepte usw.) geeignet.
  • Gleichmäßige Ausleuchtung. Elektronische Lupen bieten eine gleichmäßige Ausleuchtung des Textes über mehrere Leuchtdioden. Smartphones beleuchten den Text dagegen meist aus einer zentralen LED dicht neben der Kamera. Der relative Lichtabfall gerade bei geringen Abständen ist deutlich und zeigte sich bei verschiedenen Apps im Zentrum durch zentrale Überstrahlungen oder - in den Kontrastmodi - durch ausgedünnten und stellenweise schlecht lesbaren Text.
  • Stärkere Vergrößerung und mehr Kontrastmodi. Bei einem Zoomfaktor von 5 x ist bei den meisten Apps Schluss. Viele elektronische Lupen haben eine wesentlich stärkere Vergrößerung (einige bis zu 18 x) und bieten mehr verschiedene Kontrastmodi als Vergrößerungs-Apps.

Was spricht für Vergrößerungs-Apps?

Auch die Apps haben natürlich einige Vorteile gegenüber den elektronischen Lupen:

  • Der Preis. Elektronische Lupen sind nicht billig - die Apps sind kostenlos oder kosten nur wenige Euro. Es gibt kostenlose, werbefinanzierte Apps oder kostenlose Apps mit geringerem Funktionsumfang - wenn man bezahlt, verschwindet die Werbung oder die Pro-Features werden verfügbar.
  • Gewichtsersparnis. Wer ohnehin ein Smartphone mit sich führt, kann sich in vielen Fällen das zusätzliche Mitführen der elektronischen Lupe sparen, besonders wenn es lediglich darum geht, unterwegs Fahrpläne, Tickets, Menüs, Packungsbeschriftungen, Medikamentenbeilagen und Ähnliches zu entziffern.
  • Gleichwertige Displays. Besonders wenn die App auf einem größeren Smartphone läuft (Phablets mit 5-7 Zoll Bildschirmdiagonale), reicht die Displaygröße an die der üblichen elektronischen Lupen heran.
  • Versendbarkeit. Einige Apps können Aufnahmen abspeichern. Diese können dann nicht nur gleich oder auch später im Standbild vergrößert gelesen werden (auch einige E-Lupen haben eine Speicherfunktion), sondern auch über E-Mail, Messaging-Apps wie WhatsApp gesendet oder Bluetooth auf andere Geräte übertragen werden.
  • Texterkennung und Weiterverarbeitung. Abgespeicherte Aufnahmen lassen sich im gleichen Gerät mittels Texterkennungs-Apps in echten Text verwandeln. Dieser Text kann dann über die Sprachausgabe auch akustisch ausgegeben werden oder kopiert und in anderen Apps weiterverarbeitet werden.

Weiterverarbeitung und Vorlesen von Text

Auch bei den elektronischen Lupen gibt es Modelle mit Vorlesefunktion, etwa die Prodigi von Reinecker. Andere Modelle wie Enhanced Vision's Amigo portable HD desktop magnifier erlauben die Ausgabe abgespeicherter Bilder auf dem Fernseher und den Upload auf den PC, wo Bilder von Texten dann potentiell über OCR-Programme in Text verwandelt werden können.

Auf dem Smartphone sind verschiedene Funktionen leichter zu integrieren. Texte lassen sich mit einer Texterkennungs-App (etwa CamScanner) abfotografieren und dann mittels OCR-Funktion in "echten" (vorlesbaren, weiter verarbeitbaren) Text verwandeln. Auch von Vergrößerungs-Apps im Album abgespeicherte Fotos können in Texterkennungs-Apps geladen, in echten Text verwandelt und dann vorgelesen, versendet oder weiterverarbeitet werden. 

Die getesteten Vergrößerungs-Apps

Ausgewählt wurde eine Reihe kostenloser oder sehr preiswerter Vergrößerungs-Apps auf den gängigen Plattformen iOS (getestet auf einem Apple iPhone 6 plus), Android (getestet auf einem Samsung Galaxy Note 3) und Windows Phone (getestet auf einem Nokia Lumia 1320).

  • Magnifying Glass with Light pro / App-Name Mag.Light (iOS) Version 3.4.1 (Falcon in Motion LLC)
  • Visor (iOS) Version 1.4 (Sebastian Marr, André Eitz)
  • SuperVision+ (iOS) Version 1.5.4 (Schepens_MEE)
  • Licht und Lupe / App-Name MagnifyGlass (iOS) Version 1.1 (RV AppStudios LLC)
  • Seeing Assistant home (iOS) Version 1.6.2 (Transition Technologies S.A.)
  • Lupe / App-Name Magnifier (Android), Version 2.2.2 (mmapps mobile)
  • Quick Magnifier / App-Name Vergrößerung (Android) Version 1.4. (SoftDX)
  • Microsoft Pocket Magnifier (Windows Phone) Version 1.2.0.0 (Microsoft)
  • Magnifier (Windows Phone) Version 1.6.0 (Grumpy in the morning)

Kriterien

Für den Test bestimmten wir eine Reihe von Kriterien, die wir wiederum anhand mehrerer Merkmale bewerteten. Die Kriterien wurden gewichtet und die Einzelmerkmale auf einer fünfstufigen Skala (--- bis ++) bewertet. Das Gesamtergebnis ist die erreichte Prozentzahl von der theoretisch erreichten Bestbewertung von 100 %.

Hier die geprüften Kriterien (in den Klammern dahinter der prozentuale Anteil an der Gesamtgewichtung):

  • Zoom und Zoom-Bedienung (20 %). Einbezogen waren hierin der maximale Zoomfaktor, die Art der Vergrößerung (stufenlos oder in Stufen), die Unterstützung der Spreizgeste zum Vergrößern und die Art des Scharfstellens (Antippen oder automatisch)
  • Abbildungsleistung (20 %). Berücksichtigt wurde hier die Abbildungsqualität bei schwachem Licht ohne LED-Licht, die Abbildungsqualität mit zugeschaltetem LED-Licht, die Verfügbarkeit von Helligkeits- und Kontrasteinstellungen, der naheste scharf fokussierbare Abstand, die Tafelbildeignung (1 m Abstand) und die Verfügbarkeit bzw. (wenn verfügbar) der Nutzen einer Bildstabilisierung.
  • Standbild und Standbildnutzung (30 %). Hier bewerteten wir die Verfügbarkeit eines Standbildes, die Möglichkeit, ein Standbild abspeichern oder zu teilen und später zu laden und das Verschieben bzw. Heraus-/Hineinzoomen bei Standbildern.
  • Kontrastmodi (10 %). Bewertet wurde hier die Verfügbarkeit und, wenn vorhanden, die verfügbare Anzahl der Kontrastmodi.
  • Bedienbarkeit (10 %). Hier bewerteten wir alles, was nicht bereits in der Zoom-Bedienung erfasst ist, also das allgemeine Bedienungskonzept sowie die Erkennbarkeit, Verständlichkeit und Handhabung der Bedienelemente.
  • Hilfe (5 %). Hier bewerteten wir die Verfügbarkeit und Qualität von integrierten Hilfstexten bzw. Bedienungsanleitungen sowie, wo vorhanden, die Vergrößerbarkeit der Hilfstexte.
  • Screenreader-Unterstützung (5 %). Auch wenn Vergrößerungs-Apps von sehbehinderten und nicht von blinden Personen genutzt werden, ist eine Sprachausgabe der Bedienelemente für stark sehbehinderte Nutzer wichtig. Hier bewerteten wir, ob Bedienelemente mit eingeschaltetem Screenreader akustisch ausgegeben wurden und ob die ausgegebenen Beschriftungen richtig, vollständig bzw. verständlich waren.

Ergebnisse

iOS-Apps

Bei den Vergrößerungs-Apps zeichnen sich zwei iOS-Apps als Gewinner ab. Magnifing Glass with Light pro (72 %) und Licht und Lupe (68 %). Dicht gefolgt von Super-Vision+ (67 %), bei der sich das Standbild nicht abspeichern lässt. Die beiden anderen getesteten iOS-Apps, Visor und Seeing Assistant Home, lassen die wichtige und deshalb mit 30 % gewichtete Standbild-Funktion vermissen und schneiden schon deshalb deutlich schlechter ab.

Wenn die Sprachausgabe bei den Bedienelementen wichtig ist, ist unter den iOS-Apps nur Magnifying Glass with Light pro empfehlenswert - bei den anderen sind Bedienelemente nicht oder ungenügend benannt.

Wenn Kontrastmodi wichtig sind, ist Visor eine Alternative - bei den anderen iOS-Apps gibt es lediglich die Farbumkehr bzw. bei Super-Vision+ gar keinen Kontrastmodus. Seeing Assistant home hat sowohl einen Farbumkehr-Modus und einen Graustufenmodus. Für alle Modi lassen sich Kontrast und Helligkeit mit getrennten Schiebereglern anpassen. Diese Lösung wirkt aber recht umständlich.

Android-Apps

Bei den beiden getesteten Android-Apps hat Lupe (App-Name Magnifier) die bessere Abbildungsleistung (60 %). Quick Magnifier (App-Name Vergrößerung) siegt dagegen nach Punkten durch die zugängliche Benennung der Bedienelemente (63 %). Beide Apps haben eine gute Standbild-Funktion, Kontrastmodi sind jedoch schwach: Lupe hat lediglich eine Farbumkehr, Quick Magnifier hat gar keinen Kontrastmodus. Auch die Hilfe ist schwach.

Windows-Phone-Apps

Bei den beiden getesteten Windows-Phone-Apps liegt die unter Mitwirkung des englischen Royal National Institute of Blind People (RNIB) entwickelte App Microsoft Pocket Magnifier (65 %) vorn. Sie ist gut bedienbar. Magnifier ist deutlich schwächer und ohne Kontrastmodi, hat aber die beste Hilfe von allen getesteten Apps. Die Abbildungsleistung bei beiden Windows-Phone-Apps lässt zu wünschen übrig, das kann jedoch (zumindest zum Teil) an der schlechteren Kamera in dem von uns genutzten Budget-Phablet Nokia 1320 liegen.

Tabellarische Ergebnisse für Vergrößerungs-Apps

Kriterien und Gewichtung

Magnifier Glass with Light proSuper-Vision+VisorSeeing Assistant homeLicht und Lupe / Magnifier GlassLupe / MagnifierQuick Magnifier / Vergrö-ßerungMS Pocket MagnifierMagnifier
Plattform iOS iOS iOS iOS iOS 8 Android Android WinPho WinPho
Version 3.4.1 1.5.4 1.4 1.6.2 1.1 2.2.2 1.4 1.2.0.0 1.6.0
Hersteller Falcon in Motion LLC Schepens _MEE Seb. Marr, André Eitz Transition Techno-logies S.A. RV App-
Studios LLC
mmapps mobile SoftDX Microsoft Grumpy in the morning
Kosten (€) 1,99 gratis 0,99 2,99 1,99 gratis mit Werbung gratis gratis gratis
Zoom und Zoom-
Bedienung
(20 %)
++ ++ 0 + ++ + + + 0
Abbildungs-leistung
(20 %)
+ + 0 + ++ + 0 - -
Standbild und Standbild-Nutzbarkeit
(30 %)
++ + -- -- ++ ++ ++ + -
Kontrastmodi
(10 %)
- -- ++ 0 - - -- + --
Sonstige Bedienbarkeit
(10 %)
0 + ++ 0 0 - + + +
Hilfe
(5 %)
0 0 0 0 -- - -- + ++
Screenreader-Nutzbarkeit
(5 %)
+ -- + - -- -- + ++ 0
Ergebnis 72 % 67 % 43 % 41 % 68 % 60 % 63 % 65 % 39 %

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